Von Paris nach London

 

 

 

„Wetten, dass...“ So hatte alles vor vielen Jahren begonnen. Wieder mal ‘ne große Klappe riskiert, irgendeine blöde Wette verloren, von der ich heute nicht mehr genau weiß, worum es eigentlich genau ging. Ich musste nun also mit dem Fahrrad in den Süden von London strampeln, genauer: zum Werksgelände des ehemaligen Formel 1-Teams Tyrrell in der Nähe von Guildford im Herzen Surreys.

Erste Planungen ließen mich in Gedanken von meiner schwäbischen Heimat durch die Pfalz, das Saarland und Nordfrankreich nach Calais radeln. Eine andere mögliche Route führte mich quer durch den Nordschwarzwald, dann weiter in Frankreich von Ost nach West auf Nebenstrassen oder auf Treidelpfäden neben Flüssen und Kanälen, vorbei an Paris durch die Normandie bis an die Kanalküste. Von dort mit der Fähre nach Essex, dann ein Katzensprung zum Ziel. In einem weiteren Entwurf sah ich mich entlang des Rheins bis nach Hoek van Holland fahren und von dort mit der Fähre über den Ärmelkanal nach Harwich in den englischen Südosten und dann weiter... Wie auch immer, es blieb bei anfänglichen Planungen, unrealistischen Träumereien und Gedankenspielen. Es fehlte einfach die Zeit für Vorbereitung und Training – und erst recht für die Umsetzung, denn mindestens 14 Tage mußte ich für die Reise schon kalkulieren. Aber, um ehrlich zu sein, eigentlich hoffte ich auf altersbedingten Gedächtnisverlust meiner Wettpartner. Vergebens!!! Das Thema kam immer wieder auf die Agenda, und irgendwann einigten wir uns endgültig auf die auch für mich als untrainierten Freizeitradler zu bewältigende Strecke von Paris zum Zielort Knaphill nahe Woking, dem Wohnort meines Freundes, etwa 40 Kilometer südwestlich von London. Auf der Landkarte sind das rund 350 Kilometer, exklusive der Strecke auf dem Ärmelkanal. Eine lösbare Aufgabe, fand ich!

 

Etwa zu dieser Zeit, im Winter 2001/2002, lernte ich eine reizende Dame kennen, die, als ich Ihr ganz nebenbei von meiner verlorenen Wette erzählte, spontan beschloß, mich bei dieser Radtour zu begleiten. Ab da war klar, dass ich die Sache durchziehen würde, die Planungen konnten beginnen. Als Starttermin wurde der 10. August 2002 festgelegt.

 

 

Vorbereitung

 

Was hatten wir uns nicht alles vorgenommen! Regelmäßige Trainingseinheiten und gemeinsame Ausfahrten mit zunehmenden Distanzen, um Muskulatur und Hinterteil auf die gewaltigen Strapazen der geplanten historischen Meisterleistung vorzubereiten. Auch Testfahrten mit beladenen Satteltaschen und gepackten Rucksäcken, bei jedem Wetter... Um es kurz zu machen: Wir brachten es zwischen Mai und Ende Juli gerade mal auf 6 oder 7 kürzere Ausritte in der unmittelbaren Umgebung. Einzige erwähnenswerte Ausnahme war unsere gelungene, zweitägige Wochenend-Generalprobe mit genau 100 geradelten Kilometern in zwei Tagen. Dabei bestand ich Gabis Härtetest, als Sie mir für die Rückfahrt von Schwäbisch Hall 5 (oder 10?) Kilo Katzenstreu in den Rucksack steckte. Insgesamt dürften wir kaum mehr als 250 Trainingskilometer in den Beinen gehabt haben, als wir uns dann im August auf die Reise machten.

An dieser Stelle muss aber noch bemerkt werden, dass wir uns schon als sportlich bezeichnen dürfen, regelmäßig Sport treiben, joggen und im Studio an unserer Fitness arbeiten. Völlig untrainiert waren wir also nicht!!

 

Wesentlich professioneller gestalteten sich die Planungen oder Buchungen der Zugfahrten, Hotelübernachtungen oder Fährtickets, sowie Streckenplanung, Kauf von Straßenkarten und ähnlichen Vorbereitungen. Genau genommen war das schon Anfang Juni perfekt abgeschlossen. Eine Arbeit, die mir schon immer ganz besonders Spaß gemacht hat, ja eigentlich für mich den schönste Teil einer jeden Reise bedeutet.

 

Auf der technischen Seite galt es, unsere überalterten Fortbewegungsmittel auf Vordermann zu bringen. In meinem Fall handelte es sich um ein pinkfarbenes, 1989 angeschafftes und über Jahre vernachlässigtes 26er Mountainbike der Marke „Wheeler“. Gabis Fortbewegungsmittel war nur unwesentlich jünger, ein 28er Trekkingrad „Glen Ellen“ von Marin. Für die wenigen Trainingsfahrten wurden die Fahrräder nur oberflächlich geölt und geschmiert, für die Reise nach England dann kurz vor der Abreise in einem Fahrradgeschäft generalüberholt und mit diversen Extras versehen. Mein Gefährt erhielt Slicks von Panaracer, Schutzbleche, Gepäckträger einen Seitenständer und komplette Beleuchtung. Gabis Rad spendierten wir neue Schwalbe-Reifen, Schutzbleche und einen Gepäckträger. Wir merkten gleich den Unterschied, als wir die Drahtesel abholten und einer ersten Probefahrt unterzogen. Alles lief leichter und funktionierte präziser.

Für die Reise lieh sich Gabi von Freunden eine sehr geräumige Satteltasche mit vielen Seitenfächern. Ich besorgte mir eine kleinere Satteltasche und ergänzte den Stauraum durch eine Lenkertasche sowie kleinen Täschchen unter dem Sattel und am Rahmen für Werkzeug oder Ersatzschlauch.

 

Als es am 10. August 2002 endlich losging, waren wir von der organisatorischen und technischen Seite bestens vorbereitet. Nun konnte uns eigentlich nur noch das Wetter oder die Gesundheit einen Strich durch die Rechnung machen. Wir waren bereit!

 

 

Auf nach Paris!

 

Langsam rollten wir durch das Wohngebiet hinunter in Richtung Bahnhof, die Fahrräder beladen mit Pack- und Lenkertaschen, auf unsere Rücken drückten volle Rucksäcke. Neugierig blickte uns der eine oder andere Nachbar hinterher. Hätten die gewußt wo wir hinradeln!!!

Pünktlich um 20.33 Uhr ratterte der Regionalexpress von Nürnberg nach Stuttgart im kleinen Provinzbahnhof von Fornsbach ein. Im ersten Wagen sei das Radabteil, hatte man uns erklärt. Heute wissen wir, dass das eine Frage der Perspektive ist, es kann nämlich auch der letzte sein, je nach Fahrtrichtung des Zuges. Die Trefferquote lag also bei 50% - und wir lagen falsch!! Wir warteten vorne, das Radabteil war aber am anderen Ende! Also, am Zug entlang gehetzt, schnell die Räder durch die enge Tür bugsiert und schon hörten wir den Pfiff des Schaffners, worauf sich der schon deutlich ins Alter gekommene Zug ruckend in Bewegung setzte. Endlich hatte unser Abenteuer begonnen!!!

 

Eine dreiviertel Stunde später erreichten wir den Stuttgarter Hauptbahnhof. Hier langweilten wir uns während der nächsten 2 Stunden und froren in der für die Jahreszeit eigentlich viel zu kalten Witterung. Ein Zwischenstopp im Bahnhofscafé endete jäh, als man uns sprichwörtlich die Stühle unter dem Hintern weg zog. Schon erstaunlich, dass hier am Bahnhof ein Restaurant bereits um 22.00 Uhr schließt, obwohl zu dieser Uhrzeit noch Hunderte von Menschen unterwegs sind. Das verstehe ich bis heute nicht!

 

Als unser Nachtzug von München kommend etwas früher als erwartet (auch das gibt’s bei der Deutschen Bahn!!) am Bahnsteig 10 anlegte, warteten wir schon exakt in Höhe des Frachtabteils, wo Stellplätze für unsere Drahtesel reserviert waren. Blöderweise war unser Schlafwagenabteil dann wieder genau am anderen Ende des Zuges und wir mußten, nachdem wir mühsam die Räder verstaut hatten, das ganze Gepäck wieder zurück schleppen.

Noch ganz außer Atem bestiegen wir neugierig den museumsreifen Schlafwagen, der vermutlich schon vor meiner Geburt im Jahre 1961 im Dienst war. Ein sonderbarer Schaffner wies uns den Weg zu unserem Abteil mit den Bettplätzen 42 und 46, was uns etwas verwirrte. Warum haben Betten in einem Zweierabteil die Nummern 42 und 46?. Wo sind dann die Betten 43-45? Okay, es war unter der Decke noch die Vorrichtung für ein drittes Bett erkennbar, aber dann fehlten ja trotzdem noch zwei. Kopfschüttelnd akzeptierten wir den Nummernsalat und waren froh, das Abteil wie gebucht für uns alleine zu haben.

Gleich auf den ersten Blick beeindruckend war für uns beide, wie viel die Ingenieure hier auf engstem Raum geschickt verbaut hatten. Zwei Betten plus einem klappbaren Zusatzbett knapp unter der Decke, Waschbecken und Spiegelschränkchen, diverse Gepäckablagen und -netze, eine Leiter zum Erklimmen der oberen Betten. Dazu überall Lämpchen und viele Schalter, Steckdosen, Kleiderhaken und Haltegriffe. Fließend kaltes und warmes Wasser, Seife, Zahnputzbecher und kleine Handtücher rundeten den Komfort ab. Etwas beengend wirken die mit dunkelbraunem Holzdekor getäfelten Wände. Insgesamt waren wir aber sehr angetan, mal abgesehen davon, dass das alles ein wenig in die Jahre gekommen war, der eine oder andere Mechanismus nicht mehr reibungslos funktionierte und es etwas muffig roch. Aber das Abteil war sauber, verhältnismäßig gepflegt und gemessen am Alter des Waggons noch in bemerkenswert gutem Zustand.

Nachdem wir unser Gepäck verstaut und uns gemütlich eingerichtet hatten starteten wir neugierig zu einer Inspektion des kompletten Wagens. Im Vorbeigehen deponierten wir beim Schaffner gleich wie abgesprochen die Fahrkarten und Ausweise. Mit etwas Glück würden wir so beim Grenzübertritt nach Frankreich nicht mitten in der Nacht geweckt werden müssen, war vorher uns erklärt worden. Ein kurzer Blick in die enge Borddusche mit den vielen Knöpfen und Drehreglern am Ende des Waggons ließ uns schnell zu dem Entschluß kommen, am nächsten Morgen die kleine Körperpflege am Waschbecken im Abteil vorzuziehen.

Inzwischen hatte sich der D260 um 23.36 Uhr fahrplanmäßig aus dem Stuttgarter Bahnhof geschlichen und ruckelte durch die Nacht in Richtung Westen. Schnell noch den Wecker gestellt (auf den Weckdienst des Schaffners wollten wir uns nicht verlassen) und ab ging’s in die überraschend bequemen Betten. Vorher befolgten wir noch die eindringlichen Mahnungen des Schaffners und verriegelten unsere Abteiltür gleich zweifach.

 

An einen ruhigen und erholsamen Schlaf war nicht zu denken! Der Zug wackelte und holperte, bremste und beschleunigte wieder. Das Abteil knirschte, ächzte und gab sonderbarste Geräusche von sich. Vom Gang hörten wir die Schritte und Stimmen von Mitreisenden, die entweder zu- oder ausstiegen, wenn wir irgendwo unterwegs anhielten, oder einfach nur auf die Toilette mussten. Wie lange ich insgesamt und in wie vielen Etappen geschlafen habe, kann ich nicht sagen. Ich döste unruhig vor mich hin, registrierte aber im Hintergrund jedes Geräusch und jede Bewegung. Aber wann immer ich schläfrig einen Blick auf die Uhr warf, war ich verblüfft, dass wieder fast eine Stunde vergangen war. Gabi erzählte mir später, dass es bei ihr nicht anders gewesen war. Noch bevor der Wecker um 6 Uhr seine Arbeit aufnahm saßen wir am Fenster und beobachteten neugierig mit müden Augen, wie wir uns durch die Außenbezirke der französischen Hauptstadt näherten. Ein Blick zum wolkenlosen Himmel ließ unsere Laune schnell steigen. Wir einigten uns auf eine schnelle Katzenwäsche am kleinen Waschbecken, packten unsere Taschen und warteten dann ungeduldig auf dem Gang zwischen vielen Mitreisenden, bis der Zug endlich Punkt 7.00 Uhr im Pariser Ostbahnhof, dem Gare de l’Est, einfuhr.

 

 

Paris!

 

So blau und sommerlich der Himmel auch war, Paris empfing uns mit für einen Augusttag eisigen Temperaturen. Schon nach Minuten dankte ich Gabi dafür, dass sie mich in letzter Minute noch überredet hatte, meine lange Radhose mitzunehmen. Schlotternd wanderten wir inmitten einem bunten Volk Reisender aus ganz Europa den Bahnsteig entlang. Am Gepäckwagen war ein wildes Gedränge. Mir fiel auf, dass seit unserer Abfahrt in Stuttgart während der Nacht noch viele Fahrräder hinzugekommen waren. Dementsprechend lange dauerte es auch, bis unsere dann endlich ausgeladen waren. Zusammen mit anderen, meist deutlich jüngeren Radtouristen, schoben wir unsere Drahtesel in Richtung Ausgang. Vor dem Bahnhof ein letzter Check: Gepäcktaschen festgezurrt, Stadtplan in der Lenkertasche, Helm auf und los ging’s! Ab jetzt hatte unsere Radtour erst richtig begonnen.

 

Aufgeregt und noch ein wenig unsicher wagten wir uns in die am frühen Sonntagmorgen noch völlig leeren Straßenzüge von Paris. Wir peilten auf direktem Wege das Seineufer und Notre-Dame an, und folgten der Rue St. Martin in südlicher Richtung. Schon nach wenigen Minuten bot sich uns die erste Sehenswürdigkeit, der Centre Pompidou, ein 1977 eröffneter Kulturtempel (beherbergt unter anderem verschiedene Museen und wechselnde Kunstausstellungen) mit recht zweifelhafter Architektur. Angeblich ist dieser Bau inzwischen einer der Hauptanziehungspunkte der Stadt und wird jährlich von über 7 Millionen Touristen besucht. Also, ich finde die Kiste fürchterlich! Trotzdem werde ich immer wieder an diesen Ort zurückdenken, weil ich direkt davor meine Premiere in einer der bekannten Pariser öffentlichen Toiletten gab.

Nach etwa 3-4 Kilometer begrüßte uns das glitzernde Wasser der Seine. Über den Pont Notre Dame und vorbei an einer Polizeikaserne (-schule?) wartete auf der Ile de la Cité der erste Knaller auf uns: Notre-Dame!! Leider machten wir dann hier schon die Erfahrung, dass die Erkundung einer Metropole als Radtourist nicht ideal ist. Aus Furcht, unserer Räder oder Teilen des Gepäcks beraubt zu werden, gingen wir nur getrennt in die wunderschöne gotische Kathedrale. Trotzdem ein unvergeßliches Erlebnis!

Danach radelten wir am linken Seineufer flussabwärts in Richtung Eiffelturm. Im Rahmen unserer Tourenplanung hatten wir gelesen, dass sonntags einige Strassen entlang des Flusses für Jogger, Radfahrer und Inliner gesperrt sein sollen, und tatsächlich sahen wir schon nach wenigen hundert Metern das erste Sperrschild und dahinter eine völlig ruhige, autofreie Straße entlang der Seine – herrlich!! Eine wirklich tolle Regelung, die auch in so mancher deutschen Großstadt Sinn machen würde.

 

Wir hatten nicht geplant, die unzähligen Pariser Sehenswürdigkeiten zu besichtigen, denn die Stadt war ja nur eine Etappe auf unsere Reise nach England. So ließen wir die eine oder andere Attraktion, wie zum Beispiel den Louvre, unbeachtet links liegen und strampelten vorbei an Pont Neuf (kurioserweise die älteste Brücke der Stadt, obwohl sie übersetzt „neue Brücke“ heißt) bis zu Pont de la Concorde, wo wir aufs andere Seineufer wechselten, um einmal mit dem Fahrrad um den Place de la Concorde mit seinen Wasserspielen und dem Obelisken zu radeln. Ein an Werktagen oder zu anderen Tageszeiten fast aussichtslosen Unterfangen, wenn hier Hunderte von Autos hupend für ein Chaos sorgen. Von hier hat man auch einen wunderbaren Blick die Champs Elýsees hinauf bis zum Triumphbogen.

Natürlich wollten auch wir einmal auf dieser weltberühmten Prachtstraße fahren, einfach damit wir mal davon erzählen konnten, bogen dann aber schon bald nach links ab, um über den majestätischen, mit vergoldeten Statuen geschmückten Pont Alexandre III wieder die Seine zu überqueren. Von dieser tollen Brücke hat man übrigens eine herrliche Aussicht, vor allem auf den Invalidendom und natürlich auf den Eiffelturm, der unser nächstes Ziel sein sollte.

 

Sicherlich nicht nur für mich ist der Eiffelturm eines der beeindruckendsten Bauwerke der Welt und unbestritten das Wahrzeichen von Paris. Der von Alexandre Gustave Eiffel konstruierte, 1889 zur Weltausstellung eröffnete, 307 Meter hohe stählerne Turm überragt die Stadt und ist aus allen Himmelsrichtungen zu sehen. Auch wir konnten seine Spitze oder zumindest das obere Drittel schon während der Fahrt entlang der Seine immer wieder kurz erblicken, doch seine ganze Schönheit und Pracht überwältigte uns dann doch, als eine der vier Stützen hinter Bäumen auftauchte und wir plötzlich seitlich unter dem Stahlkoloß standen. Waren wir bisher noch durch eine relativ menschenleere Großstadt geradelt, so waren wir hier alles andere als alleine. Vor den Aufzügen standen die Menschen schon in endlos langen Schlangen und warteten darauf, endlich auf die Plattformen hochgefahren zu werden. Es war gerade mal 9 Uhr!!!

Inzwischen machte sich der Hunger breit und wir entschlossen uns, touristengerecht in einem Cafe direkt unter dem Turm zu frühstücken. In einem leichtsinnigen Anflug von Großzügigkeit gönnten wir uns ein sündhaft teures Croissant mit etwas Butter und Marmelade sowie ein Tässchen Kaffee bzw. Kakao.

 

Frisch gestärkt und um rund 8 Euro ärmer überquerten wir erneut die Seine, um auf der anderen Seite den Hügel zum Palais de Chaillot genau gegenüber des Eiffelturmes zu erklimmen, wo man laut Reiseführer von der Terrasse interessante Fotos vom Pariser Wahrzeichen machen konnte. Das tat ich dann auch, und kaum hatte ich mich der Technik einer Kleinbildkamera mächtig geoutet, als ich auch schon diverse japanische und deutsche Touristengruppen ablichten durfte. Etwas traurig war ich darüber, dass ich aus Zeitgründen die tollen Museen (Marinemuseum, Museum für Völkerkunde, Kinomuseum) im Palais nicht besuchen konnte. Inzwischen begann das Wetter umzuschlagen, am Horizont machten sich dunkle Wolken breit. So entschlossen wir uns, schnell weiterzuziehen. Auf der Avenue Kléber radelten wir dem Triumphbogen am Ende der Champs Elysées entgegen.

 

Am Place Charles de Gaulle herrschte für diesen Platz noch völlig untypische Ruhe. Es war problemlos möglich, den beeindruckenden Triumphbogen oder Arc de Triomphe stressfrei zu umrunden. Doch die dunklen Wolken trieben uns nun noch eiliger zu unserem letzten Ziel in der Pariser Innenstadt hin: La Défense. Das in den sechziger Jahren entstandene Hochhaus- und Geschäftsviertel befindet sich in der Verlängerung der Achse Champs Elysées – Arc de Triomphe – Avenue de la Grande Armées in westlicher Richtung und als Mittelpunkt erhebt sich die futuristische, 1989 fertiggestellte Grand Arche, eine Art moderner Triumphbogen. Diesen Ort habe ich mir als Abschluß unseres Parisaufenthaltes ausgesucht, weil ich dort 13 Jahren zuvor, kurz nach Einweihung dieses außergewöhnlichen Bauwerkes, zu einer Tagung gewesen war und mir die Gegend einfach noch einmal ansehen wollte.

Auf der Avenue de la Grand Armées arbeiteten wir uns La Défense entgegen. Um dem dort nun stärkeren Verkehr zu entkommen, wichen wir auf Parkstreifen oder gar den breiten Gehweg vor den Geschäften und Restaurants aus, was jedoch immer den Nachteil hatte, dass wir unsere Räder laufend von den hohen Bordsteinen herunter und dann wieder hinauf heben mußten. 

An dieser Stelle muss ich das Thema Bordsteine in Paris besonders kritisch ansprechen! Also, ich hatte den Eindruck, dass die Pariser Bordsteine deutlich höher sind als die bei uns in Deutschland oder sonstwo. Das wäre ja eigentlich nicht weiter erwähnenswert und mir auch nicht aufgefallen, wenn wir nicht immer wieder das Problem gehabt hätten, die Fahrräder vorsichtig von den Bordsteinen hinunter und dann gleich wieder auf der anderen Seite hinauf zu wuchten. Nun haben wir Radfahrer ja auch nichts auf Gehwegen zu suchen, aber wie kommen in dieser Stadt eigentlich die Rollstuhlfahrer zurecht? Es fehlen einfach ausreichend Rampen, also abgeflachte Bordsteine, um die Gehwege erklimmen zu können – oder, noch besser, Radwege!! Das nur mal so nebenbei.

Auf dem Weg nach La Défense änderte sich recht schnell die Kulisse. Von Prachtstraße und Geschäftsvierteln mit Restaurants, Bars oder noblen Läden in schmucken alten Häusern ging es fließend über in eine moderne Trabantenstadt mit Wohnblocks und Bürohochhäuser bekannter, vor allem französischer Großkonzerne und Banken. Sobald wir La Défense erreicht hatten wurde auch das Radfahren wieder angenehmer. In einer parkähnlichen Fußgänger-/Radfahrerzone ging es zwischen Grünanlagen, Bänken, Kinderspielplätzen oder Wasserspielen durch die Häuserschluchten angenehm sanft bergauf, ohne Bordsteine oder anderen Hindernissen. Etwa auf halbem Wege dann der grandiose Ausblick auf den Triumphbogen am östlichen Horizont und der Grand Arche im Westen. Toll!!

Abgesehen von der grandiosen Grand Arche ist La Défense eine einzige Enttäuschung! Häßliche, schon nach wenigen Jahren teilweise vergammelte Betonbauten. Zerstörte Sitzbänke, abgefackelte Leuchtwerbekästen, reizlose Cafés, wenig grün. Irgendwie drängt sich einem der Eindruck auf, als hätte man hier alles aufgebaut, ums dann schon schnell wieder verkommen zu lassen. Erschreckend ungepflegt und wenig einladend! Wir hatten recht schnell genug davon und beschlossen, nach einem flüchtigen Tässchen Tee, diesen Ort zu zügig hinter uns zu lassen, um die letzten Kilometer in Richtung Hotel in Angriff zu nehmen. Tja, aber das war leichter gesagt als getan. Von der etwas erhöhten Position um die Grand Arche sahen wir zwar die angepeilte Strasse in Richtung Norden, aber keinen Weg hinunter dorthin. Verzweifelt irrten wir in einem künstlich angelegten Labyrinth aus Straßen und Gehwegen zwischen den Hochhäusern umher, aber bestenfalls führten steile Treppen hinunter. Auch hier wieder die Frage: wie kommen hier Behinderte oder Mütter mit Kinderwagen zurecht? Am Ende entdeckten wir dankbar einen Ausweg und brachten unsere Fahrräder auf recht abenteuerliche Weise auf eine stark befahrene Ausfallstraße in Richtung La Garenne-Colombes.

Auf der Flucht von La Défense auf dem Boulevard de la Mission Marchant wurde nun auch der Verkehr zunehmend dichter und unangenehmer. Wir wichen auf Busspuren und Gehwege aus, mit dem Nachteil, dass wir uns wieder mit den hohen Bordsteinen herumschlagen mußten.

Ab La Garenne folgten wir der N 192 nordwestlich in Richtung Bezons. Kurz hinter Bezons sahen wir dann direkt an der N 192 neben einem McDonalds das ETAP-Hotel Argenteuil, eine Herberge, die anfangs als Etappenziel zur Debatte gestanden hatte, ehe wir uns für das ETAP in Pierrelaye entschieden, dem wir uns nun in Riesenschritten näherten.

In Cormeilles führte uns die N 192 teilweise durch ungemütliche Wohngebiete sozial schwächerer Schichten, und besonders auffallend war dort der hohe Anteil schwarzer Menschen. Irgendwie war uns nicht ganz geheuer in dieser Gegend und wir waren froh, als wir schon bald wieder angenehmere Wohngegenden passierten. In Herblay (für alle, die unsere Tour nachfahren wollen) bogen wir noch vor der Autobahn links ab in Richtung Ortsmitte. Nach etwa 2 Kilometern ging’s nach rechts auf einer neuen Strasse durch Wiesen und Felder und später über die Autobahn nach Pierrelaye. An der Ampel links und ein paar hundert Meter auf der breiten Hauptstrasse, der N14, bis zum Kreisverkehr – und kurz vor 14.00 Uhr waren wir da: Vor uns lag das ETAP-Hotel Cergy-Pierrelaye im Nordwesten der Stadt, wo wir für unsere erste Nacht gebucht hatten. Von hier aus sollte am nächsten Morgen die zweitägige  Tour durch die Normandie beginnen.

 

Bis wir unser Hotelzimmer betraten, hatten wir im und ums Hotel keine Menschenseele angetroffen. Die Rezeption war wie erwartet nicht besetzt, und so checkten wir problemlos an einem kleinen Computerterminal außerhalb des Gebäudes ein. Kreditkarte rein, Buchungsnummer eingegeben und schon nach wenigen Minuten spuckte das Gerät unsere Zimmernummer sowie eine sechsstellige Codenummer ein, mit der sich Eingangstüre wie auch Zimmertüre öffnen ließ – genial!!!

Übernachtungen in einem ausgesprochen einfach und zweckmäßig eingerichteten ETAP-Hotel sind Erfahrungen der ganz speziellen Art, etwa vergleichbar mit einem Aufenthalt in Jugendherbergen. Französisches Bett mit knochenharter Matratze auf einem Holzbrett (ohne Lattenrost!), darüber ein Etagenbett für ein Kind, daran angeschweißt eine Kleiderstange. Ein Schrank fehlt völlig! In einer Ecke ein kleiner Tisch, davor ein total ungemütlicher Stahlrohrstuhl ohne Lehne, in der anderen Ecke ein kleines, rundes Waschbecken. Vorhänge gibt’s auch nicht, nur ein Verdunkelungsrollladen mit den Funktionen „ganz auf“ oder „ganz zu“. Einziger Luxus, ein Radio mit Weckfunktion und knapp unter der Decke ein kleiner Fernseher mit sechs Programmen und Fernbedienung. Der Knaller ist jedoch die „Nasszelle“ –­ von einem Bad wollen wir hier nicht sprechen. Komplett aus Kunststoff findet man in einer kleinen beige-braunen Kabine eine Toilette ohne Brille und eine Dusche, alles auf engstem Raum untergebracht – Duschklo wäre der ideale Begriff dafür. Aber wir hatten alles was wir benötigten für wenig Geld, denn wo übernachtet man schon noch mit 2 Personen inklusive Frühstück in einer Großstadt für 33 Euro? Nach der Nacht im Schlafwagen war das eindeutig eine Verbesserung! Wir fühlten uns wohl!

Kurze Dusche, Radklamotten gewaschen und zum trocknen aufgehängt, und ab ging’s ins Bett zu einem erholsamen Mittagsschläfchen. Zwischenzeitlich hatten wir auch schon den Hotelchef kennengelernt, der uns freundlich ein Zimmer im ersten Stock als Garage für unsere Fahrräder zur Verfügung stellte. Die Drahtesel schliefen also direkt nebenan.

Der kleine Ort Pierrelaye hat wirklich gar nichts erwähnenswertes, sehen wir mal vom Hotel ab, und der Tatsache, dass am Ortsrand ein unscheinbarer Bahnhof betrieben wird. Das stellten wir auf unserem Abendspaziergang enttäuscht fest. Hungrig diskutierten wir dann die Ernährungsfrage. Uns war nach kohlenhydratreicher italienischer Kost, aber zur Auswahl standen nur heruntergekommene Kneipen im Ortsinneren, ein McDonald’s gegenüber dem Hotel sowie ein Chinese und ein Buffalo Grill (ähnlich Maredo) direkt nebenan. Wir entschieden uns gegen Big Mac oder Reis, und für leckere Steaks. Eine gute Wahl! Als einzige Gäste zu früher Stunde (es war erst 18 Uhr) genossen wir die bevorzugte Bedienung in diesem sehr gepflegten, riesigen Lokal und gönnten uns waschlappengroße Steaks mit Pommes, Salat und herrlich kalorienarmer Sauce Bernaise. Dazu herrliches Heineken Bier, das in den nächsten Tagen noch unser treuer Begleiter werden sollte.

Satt und rundum zufrieden schleppten wir uns müde zurück ins Hotel, aber nicht ohne uns bei Onkel Mac noch ein Bierchen im Plastikbecher mitzunehmen. Schnell noch die Tageszusammenfassung ins kleine, rote Büchlein niedergeschrieben, und mit müden Gliedern schliefen wir beide noch vor 21 Uhr ein.

 

Wir waren von 7 Uhr bis knapp 14 Uhr unterwegs gewesen, davon 4 ½ Stunden im Sattel, und hatten dabei 41,6 Kilometer vom Bahnhof bis zum Hotel im Nordwesten der Stadt zurückgelegt.

 

 

Durch die Normandie

 

Mehr als 9 Stunden erholten wir uns von der anstrengenden nächtlichen Zugfahrt und vom ersten Tag auf den Rädern, und schliefen durch bis gegen 6.30 Uhr am nächsten Morgen.

Der erste Blick galt dem Wetter. Ich ließ den Rollo hoch schnalzen und blickte durch die Scheibe enttäuscht in tiefstehende, graue Wolken, die ganz leichten Nieselregen versprühten. Das war alles andere als einladend! Wir beschlossen daher auf Zeit zu setzen und dem Wetter eine Chance zur Besserung zu geben, trödelten lange im Zimmer herum, setzten intensiv das Duschklo unter Wasser, packten langsam unsere Taschen, ehe wir um halb neun zum Frühstück hinunter marschierten.

Das Frühstück in ETAP-Hotels bedarf besonderer Erwähnung. Einfacher und unpersönlicher kann man sein Frühstück eigentlich nicht einnehmen, aber das ist eben der Preis dafür, dass man keinen so hohen Preis bezahlen muss. Man sitzt auf einfachen Hockern mit kreisrunden Sitzflächen ohne Rückenlehne. Auf dem Tisch Plastiktabletts, billiges Besteck und eine Papierserviette. Die Auswahl am Büffet besteht aus zahllosen Portionspackungen Butter, Margarine, Marmelade, Honig oder Streichwurst. Das einzig frische ist das Brot und der Kaffee. Alles insgesamt eben die absolute Low-Budget-Version in Perfektion! Aber trotz der Einfachheit, und um die Mühen des netten Hotelchefs zu würdigen: das Frühstück war vorzüglich, ich habe in deutlich teureren Hotels schon schlechter gefrühstückt. Das Baguette war, wie wohl überall in Frankreich, eine Wucht und auch der Kaffe ließ keine Wünsche offen.

Zurück im Zimmer packten wir uns warm ein. Wir zogen (im August!!) lange Radhose, Radhemd, Sweatshirt und Regenjacke an, schnappten unsere Räder aus ihrer Luxusgarage nebenan und bepackten die Drahtesel vor dem Hotel. Der freundliche Hotelchef verabschiedete uns mit einigen Tipps und sagte dabei voraus, dass sich schon gegen Mittag die Sonne zeigen würde. Das ließ uns um 9.15 Uhr hoffnungsfroh die erste große Etappe antreten. Ziel des Tages war die im Herzen der Normandie liegende, etwa 75 Kilometer entfernte Stadt Gournay-en-Bray.

 

Um mit dem Rad von Paris nach England zu kommen bieten sich die Routen zu den zwei nächstgelegenen Fährhäfen Le Havre oder Dieppe an. Wir hatten uns für die Strecke durch die Normandie nach Dieppe entschieden, weil von dort aus die schnellen Hoverspeed-Fähren nach Newhaven in Südengland verkehren und sich über diese Route ein 5-Tage-Ticket mit der Rückreise von Dover nach Oostende verbinden ließ. Außerdem lag somit das weltbekannte Seebad Brighton auf der Strecke. Da wollte ich immer schon mal hin!

 

Das warten hatte sich gelohnt. Als wir starteten hatte der Regen aufgehört und nur ein kräftiger Wind blies unangenehm von Westen entgegen. Auf der direkt nach dem Hotel vierspurigen N14 näherten wir uns schnell Pontoise, wo am westlichen Ortsende mit der D915 unsere eigentliche Normandiedurchquerung beginnen sollte. Doch bis dahin galt es erst noch eine erste kleine Bergetappe zu meistern, weil Pontoise am Fuße der Oise an einem Hang erbaut ist und wir nach einer angenehmen Abfahrt hinunter zum Fluß auf der anderen Seite durch den Ort wieder hoch strampeln mußten.

Der Verkehr auf der anfangs autobahnähnlich ausgebauten – und auf diesem Teil eigentlich für Radfahrer gesperrten – D915 traf uns an diesem Montagmorgen wie ein Hammer. Der Berufs- und Transitverkehr war auf dieser wichtigen Verkehrsader durch die Normandie voll im Gange. Auto um Auto überholte uns in teils abenteuerlichem Abstand und Tempo, und hinzu kamen noch die vielen Lastwagen oder Omnibusse, deren Luftdruck uns fast von der Straße wehte. Es dauerte eine ganze Weile, bis wir uns daran gewöhnten. Zum Glück endete der vierspurige Ausbau nach ein paar Kilometern.

 

Nur wenige Kilometer vom Stadtrand der Millionenmetropole bewegten wir uns nun schon in einer anderen Welt, in der Milch- und Kornkammer Frankreichs, wie die Normandie auch genannt wird. Kornfelder oder Viehweiden so weit das Auge reicht, nur gelegentlich unterbrochen von kleineren Wäldern oder vereinzelten Baumgruppen. Das Gelände ist wellig, leicht hügelig, aber nirgends so richtig steil. Berge kennt man hier nicht. Unsere D915 führte fast kurvenlos durch diese Landschaft und wurde scheinbar vor langer Zeit mal nur gebaut, um einzelne Ortschaften auf direktestem Wege miteinander zu verbinden. Mal gings leicht bergauf, dann wieder ein wenig bergab. Dementsprechend monoton verlief auch unsere Reise, willkommene Abwechslung boten immer die gelegentlichen Ortsdurchfahrten. Erwähnen möchte ich an dieser Stelle die netten Ortschaften Marines, Chars (dort gibt’s auch einen kleinen Supermarkt am Ortsende links) und Bouconvillers. Kurz hinter Bouconvillers gestatteten wir uns auch eine erste Pause an einem Friedhof außerhalb des Ortes – dort gab es fließend Wasser und eine Sitzgelegenheit. Die nächsten 8 Kilometer bis Gisors waren dann extrem langweilig und anstrengend. Wie am Lineal gezogen durchschnitt die Strasse die Landschaft und endete irgendwo am Horizont. Wir kämpften hart mit dem Gegenwind, aber wann immer wir aufsahen, schienen wir keinen Meter vorwärts gekommen zu sein. Etwa auf halbem Wege erschwerte dann an einer Baustelle auch noch ganz frischer, warmer und leicht dampfender Asphalt unser Vorwärtskommen, weil die Reifen wie auf Klebstoff daran hafteten.

Es war kurz vor halb eins, als wir das Ende dieser Geraden dann doch noch erreichten und sich uns nach einer herrlichen Abfahrt das liebenswerte Städtchen Gisors präsentierte. Der Tacho zeigte 43 Kilometer seit Pierrelaye. Wir stürmten sofort den ersten Supermarkt, wo wir unsere Getränkevorräte ergänzten. Danach trieb uns der Hunger in ein einfaches, sehr enges Bistro direkt am Marktplatz, vor der beeindruckenden, aber sehr baufälligen gotischen Kirche im Ortskern. Die Speisekarte in französischer Sprache stellte uns vor eine fast unlösbare Aufgabe. Eine schwierige Konversation aufgrund mangelnder Fremdsprachenkenntnisse aller beteiligten führte am Ende dazu, dass uns die Bedienung mit hinter die Bar nahm und uns alle Speisen (oder die Rohstoffe für deren Zubereitung) im Kühlschrank zeigte. Wir entschieden uns für Frankfurter Würstchen mit Pommes, Fanta und einer Tasse Kaffee.

 

Gegen 14 Uhr sattelten wir gestärkt wieder unsere Räder und nahmen den zweiten Teil dieser Tagesetappe unter die Reifen. Nach der ersten Kurve stellten wir fest, dass wir uns beim Mittagessen viel zu schnell für das erstbeste Bistro entschieden hatten, denn kaum um die Ecke bot sich uns eine verkehrsberuhigte Zone mit netten Cafés, Bars, Restaurants sowie vielen Geschäften. Am Ortsausgang noch ein kurzer Zwischenstopp an einer Tankstelle, weil Gabis Hinterreifen Luft zu verlieren schien. Aber irgendwie bekamen wir Radamateure das mit den komplizierten Ventilen und Adaptern überhaupt nicht in den Griff. Als uns auch der Tankwart nicht helfen konnte, entschieden wir uns, mit dem halb platten Reifen weiterzufahren und unterwegs notfalls mit dem Pannenspray zu reagieren.

Ab Gisors war unser Tagesziel Gournay-en-Bray angeschrieben, auf dem ersten Schild war 26 Kilometer zu lesen. Direkt nach der Ortsausfahrt radelten wir auf der linken Seite für zwei Kilometer auf dem für diesen Tag einzigen Radweg, sehnten uns jedoch schon bald wieder nach der seit Gisors wenig befahrenen Strasse, weil zahllose Glasscherben oder auch weit überhängende Hecken die Fahrt behinderten. Die D915 folgte nun in sanften Kurven einem kleinen Tal, meist begleitet von einer Eisenbahnlinie. Die Landschaft wie auch der Streckenverlauf wurde abwechslungsreicher, die weiten Kornfelder wichen in diesem Tal eingezäunten Weiden mit Milchvieh oder kleineren Wäldchen. Die Gegend erinnerte uns sehr an unsere schwäbische Heimat. Aber am erfreulichsten war, dass der Gegenwind sich inzwischen gelegt hatte und das Wetter deutlich freundlicher wurde, wenn auch die Sonne sich doch nicht, wie vom Hotelchef am Morgen noch versichert, blicken ließ. Wir fühlten uns hier rundum wohl!

Wir kreuzten ohne größeren Halt bekannte Ortschaften wie Eragny-sur-Epte, Sérifontaine, Talmontiers, Bouchevilliers oder Neuf-Marché. Besonders letzere Gemeinde ist mir in besonderer Erinnerung geblieben. Ein klitzekleiner, freundlicher Ort mit wenigen hundert Einwohnern, der aber anscheinend richtig was zu bieten hatte: Tennisplätze, großzügige Gemeindehalle, Bolzplatz und ein Freibad! Beeindruckend, so mitten im Nichts!! Sehen wir mal von den letzten drei, vier Kilometern vor Gournay ab, als die Strasse wieder schnurgerade verlief und der Gegenwind unangenehm blies, war diese Nachmittagsetappe ein voller Genuß gewesen.

Zufrieden und bester Laune rollten wir Gournay entgegen. Schon am Ortsrand begrüßte uns ein Hinweisschild mit Lagebeschreibung des gebuchten Hotels. Erwartungsfroh nahmen wir die letzten Meter in Angriff. Am Marktplatz, den wir Punkt 16 Uhr erreichten, irritierte uns erst mal ein Verkehrsschild mit Aufschrift „Remshalden“. Wir brauchten lange bis wir begriffen, dass Gournay die Partnerstadt von Remshalden ist, einer Gemeinde nur wenige Kilometer von unserem Heimatort. Die Welt ist klein...

Bis wir unser Hotel „Le Cygne“ gefunden hatten, waren wir bereits zweimal unbemerkt daran vorbeigestrampelt. Es zeigte sich mal wieder, dass Hotelprospekt und Realität zuweilen deutlich abweichen können. Auf dem farbigen Blättchen war der Hoteleingang großzügig von Pflanzen eingerahmt dargestellt gewesen, tatsächlich befand sich das Hotel in der Hauptverkehrsstrasse des Ortes und der Eingang war unauffällig, als ginge es in ein Bürogebäude. Später, als wir die Räder in einer Garage im rückwärtigen Teil des Gebäudes unterbrachten, erkannte ich auch das Eingangsfoto vom Prospekt wieder: man hatte für den Flyer den halbwegs ansprechenden Hintereingang fotografiert.

Eine sehr nette, auch endlich mal englisch sprechende Dame  an der Rezeption wies uns den Weg zu unserem Zimmer im zweiten Stock. Nach obligatorischem Wäsche waschen und der ersehnten Dusche trieb uns die Neugier hinaus in den Ort. Aber Gournay war für uns eine einzige Enttäuschung. Im reizlosen Ortskern (nur das Kurhaus ist von interessanter Architektur) waren so ziemlich alle akzeptablen Restaurants oder Bistros sowie jeder zweite Laden geschlossen. In den Sommerferien sei das so üblich, wurde uns erklärt. Wir brachen die Sightseeing-Tour schnell wieder ab und konzentrierten uns voll auf die Klärung der Ernährungsfrage. Den ersehnten Italiener schminkten wir uns nach dem Rundgang auch für diesen Abend ab. Unsere Wahl fiel auf ein Restaurant in unmittelbarer Nähe zum Hotel, das jedoch erst um 18 Uhr öffnete. Wir nutzten die Zeit bis dahin für einen Einkauf in einem großen Supermarkt, wo wir uns mit Getränken und Obst für den nächsten Tag eindeckten.

Die Bestellung im Restaurant war aufgrund der schon erwähnten Sprachbarrieren höchst problematisch und endete fast im Eklat, als wir mit der Speisekarte unter dem Arm den Raum verließen, um im benachbarten Hotel dolmetschen zu lassen. Die Wirtin befürchtete, wir wollten die Karte entwenden und verteidigte ihr Eigentum hartnäckig, ehe sie verstand, was wir vorhatten. Am Ende bestellten wir Steak mit Pommes für mich (weil davon ein Foto abgebildet war), einen riesigen Salatteller für Gabi und eine leckere Käseplatte zum Abschluß für uns beide. Dazu wieder Heineken Bier wie schon am Vorabend. So sehr uns Gournay bisher enttäuscht hatte, das Abendessen war eine Wucht und stellte einen gelungenen Abschluß dar. Satt und zufrieden trotteten wir zurück ins Hotel. Ein weiteres Bierchen (diesmal Heineken aus der Dose) im Hotelzimmer machte uns endgültig schläfrig. Gegen 21 Uhr wurden die Lichter gelöscht.

 

Wir waren von kurz nach 9 Uhr bis 16 Uhr unterwegs gewesen, davon etwa 5 Stunden im Sattel. In dieser Zeit hatten wir von Pierrelaye bis Gournay 73 Kilometer bewältigt, das entspricht einem Stundenschnitt von 14,3 Kilometern.

 

 

Zum Ärmelkanal

 

Die Nacht war eine Tortur gewesen. Jede einzelne Spiralfeder der uralten Matratzen hatte sich quälend in unsere Körper gebohrt und erfolgreich einen erholsamen Schlaf verhindert. Das waren wirklich die miesesten Betten in denen ich je geschlafen hatte! Entsprechend müde krabbelten wir schon um 6 Uhr aus unseren Betten. Ein erster Blick durch das Fenster erhellte unsere Gemüter auch nicht. Tiefgraue Wolken, Nieselregen. Zudem war es deutlich kälter geworden.

Wir ließen uns Zeit mit dem Duschen, packten langsam unsere Taschen und schlenderten gegen 7 Uhr 30 zum Frühstück. Aromatischer Kaffee, Croissants, frisches Baguette und leckere Marmelade ließen unsere Mienen dann aber schnell aufhellen, und als wir dann eine Stunde später aufbrachen, lachten wir schon über das miese Wetter.

 

Trotzdem waren die ersten 1½  Stunden bis Forges-les-Laux ätzend. Von der Landschaft war in Nieselregen und dichtem Nebel nichts zu sehen. Zudem forderte der starke Verkehr unsere vollste Konzentration. Vor allem hatten wir Sorge, im Nebel von einem unaufmerksamen Autofahrer übersehen zu werden. Glücklicherweise ging alles gut.

In Forges verließen wir die D915 und wechselten auf die D1314 in Richtung Neufchatel-en-Bray. Rückblickend begann hier der schönste Teil unserer Radtour. Die nun schmalere, aber zu unserer Freude vom Verkehr fast völlig ignorierte Strasse wand sich hinter dem Ortsausgang in sanften Schwüngen hinunter in ein nettes Tälchen und führte entlang eines kleinen Baches sowie an einer ehemaligen Eisenbahnlinie, die ich hier ausdrücklich erwähnen möchte.

Ich hatte bei der Planung darauf geachtet, dass unsere Route möglichst entlang einer Eisenbahnlinie verläuft. Zum einen, weil Eisenbahnlinien meist in Tälern an Flüssen oder Bächen verlaufen und für Radler eine angenehme Streckenführung ohne große Steigungen versprechen. Zum anderen spekulierte ich auf die Möglichkeit, im Falle einer größeren Panne oder Erkrankung dann schnell per Zug weiter- oder zurückreisen zu können. Nun sahen wir zu unserer großen Überraschung ein Gleisbett ohne Schienen! Allerdings erkannten wir auch, dass man an der Asphaltierung der ehemaligen Eisenbahnlinie arbeitete, um vermutlich die Strecke bis Dieppe zum Radweg umzubauen. Eine Großartige Idee!!!

Wir genossen die einsame Fahrt durch dieses liebliche Tal und freuten uns vor allem deshalb, weil das Wetter immer besser wurde. Unterwegs überholten wir zwei andere Radtouristen. Franzosen, wie wir an Ihrem Gruß erkannten. Mich wunderten noch die unrhythmischen Bewegungen des einen Radlers. Später, als wir dieses Pärchen wieder trafen, bemerkte ich, dass der Mann nur einen Arm hatte und ich zollte ihm meinen ganzen Respekt, trotz dieser Behinderung eine große Radtour mit Gepäck auf sich zu nehmen!

 

Neufchatel erreichten wir früher als erwartet schon gegen 11.30 Uhr. Innerhalb kürzester Zeit waren inzwischen die Wolken verschwunden, die Sonne strahlte uns von einem klaren, blauen Himmel an. Schnell entledigten wir uns der nun viel zu warmen Wetterschutzklamotten und bewegten erstmals seit unserem Start in kurzer Radbekleidung. Herrlich!!! Wir waren weder hungrig noch müde, so entschieden wir uns, die hier eigentlich eingeplante Mittagspause ausfallen zu lassen. Das Radeln machte im Moment einfach zu viel Spaß!!

Im Ortskern von Neufchatel wechselten wir auf die D1 in Richtung Dieppe, auf der wir nun unaufhaltsam der Küste entgegen schwebten. Es war unbeschreiblich: Bestes Wetter, urplötzlich beinahe 25º, kein Wind und kaum Verkehr auf der herrlich ausgebauten Strasse, die sich durch eine herrliche, grüne Landschaft zog. Alle paar Kilometer nette, gepflegte Ortschaften. Dazu die Vorfreude, bald am Meer zu sein! In dem kleinen Ort St. Aubin-le-Cauf, nur wenige Kilometer vor unserem Tagesziel Dieppe, gönnten wir uns an einem netten Straßencafé eine letzte kleine Pause mit leckerem Milchkaffe, ehe wir vorbei an kleinen Stauseen und Fischteichen die Schlußetappe in Angriff nahmen.

In Archelles verließen wir die so liebgewonnene D1, überquerten den Fluß und näherten uns auf der engen, vielbefahrenen D154 der Hafenstadt. In der Ferne waren schon einige Schiffe und Kräne zu sehen. Das Kreischen der immer zahlreicheren Möwen deutete auf die Nähe zum Meer hin.

Unser gebuchtes IBIS-Hotel liegt im Stadtteil Val Druel, eigentlich direkt auf der Strecke. Es dauerte aber eine geschlagene Stunde, bis wir endlich unser Hotel gefunden hatten. Am Ende schoben wir, nach einem Tipp eines netten Franzosen, die Drahtesel über Schotterwege und Wiesen einen steilen Berg hinauf,  folgten eine Weile einem Trimm-dich-Pfad, und erreichten gegen 15 Uhr das IBIS auf einer Route, die vor uns sicherlich noch keiner gewählt hatte.

Das Einchecken dauerte fast noch einmal so lange wie die Suche nach diesem Etablissement, weil der Herr an der Rezeption neben seiner Tätigkeit dort auch noch Restaurant und Bar zu betreuen hatte, er scheinbar für alle ein- und ausgehenden Telefongespräche oder Telefaxe verantwortlich war, Seelentröster und Ratgeber vieler aufgeregter Gäste spielte, zu allem Überfluss nebenbei ein Drucker nicht funktionierte und überhaupt alles auf ihn hereinbrach. Der Mann war im Stress! Meine ungeduldige Tipperei mit den Fingerkuppen auf der Holztheke machte ihn zusätzlich nervös. Als ich dann auch noch das schon im Computer einloggte Zimmer im Erdgeschoß ablehnte und eines im ersten Stock forderte, nahm sein Gesicht finstere Gesichtszüge an. Er buchte widerwillig um, reichte mir wortlos einen neuen Zimmerschlüssel und ahnte nicht, dass ich noch einen draufsetzen würde. Minuten später schoben wir unsere bepackten Räder direkt vor die Rezeption des genervt blickenden Angestellten und baten um ein Nachtlager für die Bikes. Nach zähen Verhandlungen stellte er uns später resignierend ein komplettes Tagungszimmer im Erdgeschoß zur Verfügung. Kostenlos, versteht sich! Mit einem Lächeln schloß ich Frieden mit dem Rezeptzionist, zwinkerte ihm aufmunternd zu und zufrieden schlenderten wir in Richtung Zimmer 153.

Wir konnten es gar nicht erwarten, endlich das Meer zu sehen!  Ganz schnell war das kleine Zimmer bezogen, unsere verschwitzten Körper geduscht, die Radklamotten gewaschen. Schon bald darauf waren wir zu Fuß auf dem Weg zum Hafen.

 

Das IBIS Dieppe liegt am südlichen Stadtrand in einem Industrie- und Gewerbegebiet, etwa 2½ Kilometer von Stadtzentrum, Hafen und Strand. Auch andere Hotelketten haben sich dort angesiedelt, so waren zum Beispiel in Sichtweite ein Formule 1 sowie ein ETAP, das allerdings leider komplett ausgebucht war. In unmittelbarer Nähe findet man einen riesigen Supermarkt, Tankstellen, Waschstraßen, Sportgeschäfte, McDonald’s und andere Fast-Food-Läden. Auch einen Buffalo Grill sahen wir dort zu unserer Freude. Zum Zentrum überquert man nur eine vierspurige Strasse, danach führt eine schnurgerade Strasse den Berg hinunter auf direktem Weg zur Promenade.

 

Dieppe wird uns immer in besonderer Erinnerung bleiben, nicht zuletzt deshalb, weil das Wetter einfach traumhaft war. Zudem hatte sich das Hafenstädtchen auch noch etwas ganz originelles einfallen lassen, um die beiden deutschen Radtouristen zu begrüßen. Auf dem Weg hinunter zur Promenade unterhielt uns eine Kunstflugstaffel mit einer genialen Airshow am wolkenlosen Himmel. Am Meer angekommen bot sich uns gleich das nächste Spektakel. Auf einer Wiese zwischen Promenade und der ersten Häuserreihe war ein riesiger Jahrmarkt mit Losbuden, Fahrgeschäften und Verkaufsständen aufgebaut. Und als wäre das alles noch nicht genug, fuhr im Hintergrund gerade eine „Superseacat“ durch die Hafeneinfahrt. Das gleiche Schiff, das uns am nächsten Morgen nach England bringen sollte.

Glücklich und beeindruckt schlenderten wir die Promenade entlang, gönnten uns ein Eis, machten einen Abstecher die Mole hinaus bis zum äußersten Punkt der Hafeneinfahrt, wo wir amüsiert zahlreiche Amateurangler bei ihren erfolglosen Fischfangversuchen beobachteten. Glücklich setzten wir uns noch für ein Weilchen auf eine Bank im Hafen, von wo aus wir das majestätische Auslaufen der „Superseacat“ beobachten konnten. Dann beschlossen wir nach einem italienischen Restaurant zu suchen, wo wir endlich unsere Kohlenhydratvorräte mit leckerer Pasta auffrischen wollten. Der Hunger knabberte inzwischen unangenehm in unseren Mägen.

Der einzige Italiener weit und breit war schnell in einer Nebenstraße lokalisiert, die Öffnungszeiten wichen jedoch noch deutlich von der aktuellen Tageszeit ab. So hatten wir noch genug Zeit, die lebhafte Einkaufsstrasse einer intensiven Inspektion zu unterziehen. Es war ein angenehmes Bummeln durch die saubere Fußgängerzone mit vielen netten Läden und Cafés. Wir unterhielten uns prächtig. Zum Glück waren unsere Transportmöglichkeiten beschränkt, denn Gabi hätte mit Sicherheit das eine oder andere Teilchen in den bestens sortierten Boutiquen gefunden.

Ich muß noch heute schmunzeln, wenn ich an die Pizzabude zurückdenke. Unser Italiener entpuppte sich als Pizza-Straßenverkauf mit ein paar eng gruppierten Sitzgelegenheiten für etwa 15 Gäste, alles insgesamt nicht viel größer als ein durchschnittliches Wohnzimmer. Die Speisekarte hatte nur unwesentlich mehr Umfang als meine Visitenkarte – und es gab ausgerechnet an diesem Tage keine Pasta!!!! Inzwischen aber zu müde und zu hungrig, um uns nochmals auf die Suche zu machen, akzeptierten wir eine Pizza mit verschiedenen Käsesorten für mich, einen großen Salat für Gabi, eine riesige Flasche Wasser, trockener Rotwein und für mich noch ein Heineken, das auf dieser Reise ja an keinem Abend fehlen durfte! Ich muss sagen, ich vermißte meine Nudeln keine Sekunde! Es war begeisternd, was dieser französische Pizzabäcker aus seinem Steinofen herauszauberte. Die Pizza dieses Abends hatte im Sturm den Weg in meine ewige Top Ten gefunden!!

Nach einem strengen Fußmarsch zurück ins Hotel schlugen wir gegen 21 Uhr todmüde wieder in unserem Zimmer ein. Ich nahm mir noch kurz die Zeit, ein paar Stichworte ins Tagebuch zu notieren, aber schon kurz darauf fielen wir beide in einen tiefen und wohl verdienten Schlaf.

 

Die Tagesleistung an diesem Dienstag betrug 77 Kilometer von Gournay bis Dieppe. Nach dem Start um 8.30 Uhr hatten wir Dieppe um 14 Uhr erreicht, das Hotel gegen 15 Uhr. Im Sattel waren wir insgesamt 4 Stunden und 35 Minuten gesessen.

 

 

England, wir kommen!

 

Um 7 Uhr enttäuschte uns der Blick aus dem Hotelfenster. Dicker Nebel hüllte die Gegend ein, was bei uns nicht gerade für euphorische Stimmung sorgte, vor allem hinsichtlich der bevorstehenden Überfahrt nach England. Aber wenigstens war es nicht kalt wie am Morgen zuvor.

Mit jedem Tag verbesserte sich die Qualität des Frühstücks. Das Büffet im IBIS war reichhaltig an Käse, Wurst, Marmelade, frischen Brötchen, Baguette, Croissants, Fruchtsäften. Es fehlte an nichts und gemütlich stärkten wir uns über eine Stunde lang. Zum einen, weil das Wetter noch gar nicht einladend war, zum anderen hatten wir ja auch noch genügend Zeit bis zur Abfahrt unserer Fähre um 11.30 Uhr.

Als wir kurz nach 9 Uhr unsere Räder für die Weiterfahrt fertig machten, klarte es schon leicht auf und machte uns Hoffnung auf einen warmen, sonnigen Tag. Wir ergänzten noch schnell unsere Wasservorräte im benachbarten Supermarkt, und ab ging es hinunter zum Hafen. Den Weg kannten wir ja schon. Langsam rollten wir durch die noch fast menschenleere Fußgängerzone, verfuhren uns kurz in der Hafengegend und erreichten dann endlich das Fährterminal eine halbe Stunde nach unserem Aufbruch.

Schnell waren die im Internet gebuchten Tickets bei lustig kostümierten Damen am Hoverspeed-Schalter abgeholt. Man wies uns den Weg zum Check-In, etwa 300 Meter weiter. Dort angekommen reihten wir uns auf der Autospur zwischen Cabriolets und Wohnmobilen ein. Es gab keinen anderen Weg, weil wir ein Fahrzeug steuerten und nicht als Fußpassagiere galten. Zum Glück mußten wir nicht zu lange hinter den qualmenden Auspuffrohren der vor uns wartenden französischen Familienkarosse aushalten.

Inzwischen war der Nebel vollends der Sonne gewichen, es wurde von Minute zu Minute herrlich wärmer. Wir machten’s uns auf kleinen Bistrostühlen vor dem Hoverspeed-Gebäude gemütlich, streckten die Beine aus und genossen die Sonnenstrahlen. Bis zur Abfahrt hatten wir noch mehr als eine Stunde Zeit. Zwischendurch machte ich eine neugierige Erkundungstour durch die Wartehalle. Ich entdeckte Toiletten, Waschräume, Schnellimbiss, Parfümerie und einen kleinen Duty-free-Shop, der mir ganz besonders in Erinnerung geblieben ist. Das besondere an diesem Laden war der hohe Anteil an Alkoholika wie Wein und Bier. Auffallend die Verpackungseinheiten der Getränke. Nicht einzelne Flaschen oder Dosen, sondern ganze Umkartons mit mindestens 6 Flaschen oder über 20 Dosen wurden angeboten. Später sah ich zahlreiche englische Autos, vollgeladen mit Paletten und Kartons, das Heck fast bis zum Boden durchhängend auf die Fähre fahren. Erst als wir dann in England waren, wurde mir klar, warum: Alkohol, wie vieles andere, ist in England sündhaft teuer. Für Engländer rechnet sich ein Fährtrip nach Frankreich, um sich im Duty Free mit Alkohol einzudecken. Das Fährticket holt man da locker wieder rein.

Um 11 Uhr reihten wir uns als einzige Zweiradler wie beim Check-In angewiesen in Lane 1 ein und wurden kurz darauf noch vor den ersten Autos an Bord gewinkt. Vorsichtig rollten wir auf der Stahlrampe nach unten in den Bauch der Superseacat. Man wies uns einen Platz ganz vorne links im Bug zu. Dort fanden wir gepolsterte Geländer zum anlehnen der Räder sowie dicke Seile zum festbinden. Wir nahmen nur unsere Rucksäcke mit den Wertsachen und Getränken mit nach oben, die Packtaschen blieben auf den Rädern. Eilig enterten wir die Treppen hoch aufs Sonnendeck auf dem Heck der Fähre. Dort waren wir die ersten und sicherten uns die hinterste Sitzbank, von wo wir das Einfahren der Autos und später die Ankunft der Fußpassagiere per Bus sowie deren Gepäck auf kleinen Gepäckwägelchen beobachten konnten. Das alles erinnerte mich an den Betrieb auf einem Flughafen. Zum Schluss wurden noch einige Wohnmobile rückwärts in den Schiffsbauch manövriert, danach klappte die Rampe herauf und schloss die Einfahrt in die Fähre.

Die Sonne strahlte, eine angenehme Brise kühlte leicht, über uns kreisten Möwen, als die Superseacat pünktlich um 11.45 Uhr aus dem Hafen glitt – einfach herrlich! Außerhalb des Hafens beschleunigte das Schiff, eine dicke, weiße Gischt hinter sich herziehend. Dieppe wurde im Hintergrund immer kleiner. Lange hielten wir es jedoch nicht auf Deck aus. Der Fahrtwind war zu frisch, das Dröhnen aus den beiden riesigen Auspuffrohren zu laut. Wir verkrochen uns ins Innere der Fähre, wie’s die meisten Mitreisenden vor uns auch schon getan hatten.

In den Hoverspeed-Schnellfähren reist man fast wie in einem Flugzeug. Die Sitze gleichen denen einer Linienmaschine, uniformierte Stewardessen versorgen die Passagiere. Alles ist nur viel größer. Es gibt eine Cafeteria, ein SB-Restaurant, den obligatorischen Duty-free-Shop, Spielautomaten, und das alles verteilt auf verschiedene Decks oder Ebenen, teilweise findet man separate Loungen exklusiv für die First-class-Passagiere. Besonders interessant ist der Blick durch eine Glasscheibe auf die Brücke, wo man den Kapitän und seine Offizieren bei der Arbeit beobachten kann. Ich wanderte unruhig und neugierig herum, während das Schiff auf dem fast spiegelglatten Meer mit einer Geschwindigkeit von 35 Knoten der britischen Insel entgegenglitt. Auf meiner Inspektionstour stellte ich erstaunt fest, dass das zwischen Frankreich und England verkehrende Schiff in La Spezia/Italien gebaut wurde und auch dort registriert ist. Selbst die Mannschaft bestand zu einem Teil aus Italienern. Außerdem fiel mir auf, dass das aus der Distanz bildschöne Schiff bei genauem Hinsehen schon deutlich mitgenommen war. Der Rost war allgegenwärtig. Innen Sitze teilweise beschädigt und verschmutzt, ebenso der Teppichboden. Beeindruckt war ich allerdings von den vollautomatischen Handwaschbecken im Toilettenbereich. Man(n) streckt die Hände in eine Öffnung, bekommt einen Spritzer Seife, danach für einige Sekunden warmes Wasser, und am Ende schaltet sich ein starkes Luftgebläse ein. Hatte ich noch nie gesehen – einfach genial!

Die letzten Kilometer (oder: Seemeilen) bis Newhaven verbrachte ich dann an unserem Fensterplatz. Auf der Fähre gab es für mich längst nichts mehr zu entdecken, im Bordvideo lief nonstop ausschließlich ein ca. 5minütiges Hoverspeed-Werbevideo und draußen war inzwischen Nebel aufgezogen, so dass von der Küste ohnehin nichts zu sehen war. Während Gabi noch selig schlief, beschäftigte ich mich mit der bevorstehenden Strecke nach Brighton. Mit ganz leichter Verspätung legten wir dann um 13.55 Uhr in Newhaven am Hoverport an. Wir stellten unsere Uhren um, hier war es 12.55 Uhr.

 

Ein wenig unsicher und aufgeregt reihten wir uns nach Verlassen der Fähre links im Verkehr ein – wir waren ja nun in England, wo man auf der „falschen“ Seite fährt. Es war eine gute Übung bis zur Passkontrolle. Dann ging’s aber hinaus und gleich in einen komplizierten Kreisverkehr, der uns auf eine Landstrasse (A26) in Richtung Brighton spülte. Nach etwa 3 Kilometer bemerkten wir, dass wir uns vom Meer entfernten und diese Umgehungsstrecke für den motorisierten Fernverkehr einen deutlichen Umweg darstellte. Leicht genervt drehten wir um, kamen 20 Minuten später wieder am Ausgangspunkt an und fanden nun die gesuchte Straße, die A259, die parallel zum Ärmelkanal an der Küste entlang in westlicher Richtung nach Brighton führte. Zu unserer anfänglichen Unsicherheit im Linksverkehr, vor allem auf Kreuzungen, im Kreisverkehr oder in Ortschaften, kam nun noch ein höllischer Verkehr! Hinzu kam noch, dass die Straße aufgrund der topographischen Verhältnisse nun immer steil bergauf oder bergab verlief. Außerdem war der Asphalt auffallend grob. Im Vergleich dazu waren die Straßen in Frankreich eben wie Tischtennisplatten gewesen. Das war schon eine Art Kulturschock nach dem einsamen Reisen am Tag zuvor. Das einzig positive: Es stand zu unserer Überraschung anfangs ein durch eine weiße Linie abgegrenzter, schmaler Radweg zur Verfügung, später sogar durch einen Grasstreifen von der Straße getrennt. Vorbildlich!!

Wir kämpften uns schwitzend durch Küstenorte wie Peacehaven, Telscombe oder Rottingdean dem berühmten Seebad entgegen, vorbei an einigen Golfplätzen, wo ganze Familien mit einfachstem Gerät dem bei uns so exklusiven Sport nachgingen. Gegen 14.30 Uhr kamen die Außenbezirke von Brighton in Sicht und bald schon konnten wir aus der Ferne Brightons Wahrzeichen erkennen, den weltbekannten Brighton Pier (oder: Palace Pier), Englands zweitbekannteste Touristenattraktion laut Reiseführer. Vorbei am Jachthafen, an Busparkplätzen, Schnellimbissen und heruntergekommenen Fahrgeschäften, die teilweise geschlossen waren (es war Hochsaison!!), erreichten wir den Brighton Pier Punkt 15 Uhr.

Wir sahen Tourismus und Nepp pur! Unter der Hauptstrasse nicht sehr einladende, schmutzige Schnellimbisse jeder Art und natürlich der obligatorische Souvenirverkauf. Zu unserer Freude entdeckten wir hier einen Burger King und beschlossen, auf der Terrasse des amerikanischen Spezialitätenrestaurants, genau gegenüber dem Pier unsere Mittagspause zu machen.

Zu gerne wäre ich über den Pier geschlendert, hätte mir für mein Leben gerne die uralten Karussells und die Achterbahn am Ende angeschaut. Aber wohin mit den Rädern und mit dem Gepäck? Mit wehmütigem Blick ließen wir den Pier um kurz vor vier Uhr links liegen und kämpften uns durch die Menschenmassen an der Promenade entlang. Ja, es war ein Kampf, weil die vielen Fußgänger den eigentlich vorbildlich angelegten Radweg einfach ignorierten und verträumt oder gedankenlos darauf flanierten. Dazu die ständige Gefahr, ein von der Seite hereinspringendes Kind über den Haufen zu fahren. Zeitweise stiegen wir ab und schoben vorsichtshalber unsere Räder. Diesem Alptraum mußten wir schnell entfliehen und bogen noch vor dem vor sich dahin rostenden Brighton West Pier nach rechts in Richtung Bahnhof ab, wo uns der Stadtplan eine Ausfallstrasse in Richtung Norden in Aussicht stellte. Wir fragten uns bis zu einem großen Kreisverkehr durch, von wo sich die Straßen in alle Himmelsrichtungen streuten und folgten dem Schild „Devil’s Dyke“. Genau dort wollten wir hin!

Lange radelten wir leicht bergan auf einer langen Geraden durch eine gemütliche, gepflegte Wohngegend, teils auf der Straße, teils auf Abschnitten mit einem Radweg. Überhaupt möchte ich an dieser Stelle erwähnen, dass uns Südengland hinsichtlich Radwegen positiv überraschte. Auch die Bordsteine waren in Brighton, aber auch später in vielen anderen Ortschaften oder Städten, an Kreuzungen meist fahrrad-freundlich abgeflacht. Sehr vorbildlich, das hätten wir von England gar nicht erwartet. Eher schon von der Radfahrnation Frankreich, aber dort war das eigentlich meist nicht so gut gelöst.

Am nordwestlichen Ende von Brighton erwartete uns eine letzte Prüfung in Form der Überquerung eines großen, stark befahrenen Kreisverkehrs, den wir aber in 3 Anläufen mutig bewältigten. Auf der anderen Seite angekommen empfing uns auf einer schmalen Landstraße gleich eine angenehme ländliche Ruhe. Gemütlich kletterten wir zwischen gepflegten Golfplätzen vorbei an Wanderparkplätzen immer leicht bergauf Devil’s Dyke entgegen und genossen die Landschaft. Alle paar Minuten kam mal ein Auto. Was Devil’s Dyke nun eigentlich genau ist, das weiß ich bis heute nicht. Irgendwann hörten die Hinweisschilder auf und wir blickten in ein großes Tal. Ich denke, das muss es gewesen sein. Von nun an ging’s lange bergab. Bei Saddlescombe stießen wir erstmals auf ein Hinweisschild in Richtung Henfield, unserem Tagesziel, wo wir ein Zimmer reserviert hatten. Kurz hinter Poynings folgten wir der unangenehm stark befahrenen A281 und waren froh, als wir gegen 18 Uhr in Henfield ankamen. 

Gleich am Ortseingang erkundigten wir uns an einer Tankstelle nach unserem privaten Nachtquartier „No.1 The Laurels“ in der Martyn Close, wie die Straße hieß. Wir hatten uns nämlich für „bed&breakfast“ entschieden, eine typische britische Privatunterkunft bei einer Familie also. Das jedoch keinesfalls freiwillig. Wer schon einmal in England war, der kann bestätigen, wie teuer Hotelzimmer in England sind. Nicht nur die Hotels, ALLES in England ist sündhaft teuer!! Aber dieses Thema würde hier nun den Rahmen sprengen. Jedenfalls war die Übernachtung im No. 1 The Laurels mit £ 45,-, umgerechnet etwa € 70,-, für 2 Personen inklusive Frühstück immer noch billiger als die meisten der zudem in der Gegend nicht sehr zahlreichen Mittelklassehotels. Zudem hatten wir für diesen Preis die Luxusversion gebucht, nämlich mit Bad und Toilette im Zimmer, was bei b&b meist nur auf der Etage zu finden ist.

Wir erreichten unser „Hotel“ kurz nach 18 Uhr in einer sehr netten und gepflegten, für England typischen Wohnsiedlung mit einladenden Ziegelsteinhäuschen. Unser Gastgeber, ein kleiner, untersetzter Herr mit lichtem Haar erwartete uns schon und begrüßte uns freundlich. Nach dem in England unumgänglichen Smalltalk zur Begrüßung stellten wir die Räder in die Garage, schulterten unser Gepäck und folgten Mr. Harrington die enge Treppe hinauf in den ersten Stock. Wir wohnten im „Green Room“, einem wilden Durcheinander von Möbel verschiedenster Stilrichtungen und Epochen. Aber alles war tiptop gepflegt, absolut sauber und es fehlte an nichts! Farbfernseher, Tee-/Kaffeekocher, Geschirr, Handföhn, eine dicke Mappe mit Informationen und Prospekten über Sehenswürdigkeiten in Sussex. Wir fühlten uns sehr wohl!!! Mr. Harrington übergab uns den Schlüssel, empfahl auf unsere Anfrage noch einige Pubs an der Hauptstrasse von Henfield und verabschiedete sich. Abschließend wies er uns noch auf eine Handglocke im Flur hin, die im Notfall zu läuten sei, damit er alarmiert würde. Herrlich!

Hier gab’s nun endlich die schon seit Tagen ersehnte Pasta – und das in einem Englischen Pub! Überhaupt machten wir dort einige ganz neue Erfahrungen. Zum einen die, dass man an der Theke bestellen und bezahlen muss, die Getränke dann selbst zum Tisch bringen darf. Das Essen wird einem großzügigerweise an den Tisch gebracht. Zuvor wählt man von einer Speiseliste, die auf eine Wandtafel gemalt ist. Zum anderen, dass ich künftig in England nur noch „sparkling“ Wasser trinken werde, also mit Kohlensäure. Auf meine vorsichtige Anfrage nach dem Unterschied zwischen sparkling Wasser und nicht sparkling, antwortete mir die Bedienung ernst, sparkling sei aus der Flasche, nicht sparkling aus der Leitung!!!!! Der Preis war gleich, ich entschied mich für die Flasche! Und dann noch die schmerzliche Erfahrung, wie teuer hier doch alles ist! Aber ich will nicht meckern. Es gab Heineken, die Pasta war lecker, und noch war die Reisekasse ja gut gefüllt.

Um 21.30 Uhr kehrten wir ins No.1 The Laurels (was für ein Name!) zurück, schlichen auf unser Zimmer und verschwanden rasch in den weichen Betten.

 

Insgesamt 48 Kilometer notierte ich zuvor noch in mein rotes Notizbuch, davon die ersten 6 noch in Dieppe vom Hotel zur Fähre. 42 Kilometer waren’s von Newhaven bis Henfield gewesen.

 

 

Hügeliges Surrey

 

An diesem Donnerstagmorgen begrüßte uns erstmals auf unserer Reise schon früh strahlender Sonnenschein. Voller Vorfreude auf den bevorstehenden Tag beeilten wir uns im Bad und polterten kurz nach 7 Uhr neugierig hinunter ins Esszimmer. Mister Harrington erwartete uns schon lächelnd mit umgebundener Schürze vor dem Eingang zur Küche. Nach einem kurzen Smalltalk erkundigte sich unser Gastgeber nach unseren Wünschen, leierte dabei eine unglaublich lange Liste an gekochten und gebratenen Frühstücksvarianten herunter, die uns das Wasser im Munde zusammenlaufen ließ, so manchen Ernährungsberater jedoch erschreckt hätte. Wir entschieden uns beide für braunen Toast, Rührei, Schinken, Speck, einer kleinen Wurst und ich orderte zusätzlich noch ein paar Bohnen. Unser Gastgeber verschwand in seiner Küche, wo es die nächsten Minuten schepperte und brutzelte. In der Zwischenzeit erschien auch unser Zimmernachbar am Frühstückstisch, ein Handelsvertreter mittleren Alters, mit dem sich ein interessantes Gespräch entwickelte, weil er in der selben Branche arbeitete wie ich, die Jahre zuvor sogar bei einem direkten Mitbewerber.

Das Frühstück war der Hammer! Unglaublich, was der ältere Herr in seiner Küche für uns gezaubert hatte. Ich weiß nicht, wo auf dieser Welt wir besser gefrühstückt hätten? Wir lobten Mr. Harrington zurecht überschwänglich, zogen die Augenbrauen hoch und nickten ihm anerkennend zu. Nach der warmen Variante machten wir uns noch über die leckere Marmelade her, die zusammen dem herrlich knusprigen Toast einfach köstlich schmeckte.

Gemütlich saßen wir zu viert um den großen, runden Esszimmertisch und unterhielten uns angeregt. Wir erfuhren, dass unser Gastgeber eigentlich Schauspieler ist, zurzeit aber keine Anstellung hat. Durch die Zimmervermietung im Obergeschoß verdiene er sich zusätzlich etwas Geld.  Mit dem Handelsvertreter tauschte ich mich lange über unsere gemeinsame Branche aus. Interessant war für mich auch, dass ihm von seinem Arbeitgeber pro Jahr ein bestimmtes Budget für Übernachtungen zur Verfügung steht, und ihm am Ende des Jahres der nicht ausgegebene Betrag unter bestimmten Voraussetzungen ausbezahlt wird. Um nun möglichst günstig zu übernachten, hat er sich für seine Reiserouten ein Netzwerk von für englische Verhältnisse günstigen privaten Bed-and-Breakfast-Häuser aufgebaut und übernachtet eigentlich selten in teuren Hotels. Mit dem gesparten Geld finanziert er seit Jahren schon seinen Urlaub. Clevere Lösung, finde ich!

Wir erschraken, als wir kurz vor neun auf die Uhr schauten und bemerkten, wie spät es schon war. Eigentlich hatten wir unsere Abfahrt ja schon für 8 Uhr geplant. Wir klinkten uns aus der Diskussion aus, huschten schnell aufs Zimmer, packten eilig unsere Taschen und standen schon wenige Minuten später abfahrbereit vor dem Haus. Kurz noch die 45 £ (ca. 70 €) für Übernachtung mit Frühstück bezahlt und los ging’s. Mr. Harrington winkte uns noch lange hinterher, wie wir frisch gestärkt in der Vormittagssonne aus der Siedlung radelten.

 

Auf der wieder heftig befahrenen Hauptstrasse, der A281, verließen wir Henfield nach Norden in Richtung Horsham, unserem ersten Etappenziel dieses Tages, nutzten aber schon die nächste Möglichkeit, um dem unangenehmen Verkehr zu entfliehen und bogen in eine schmale Landstraße in Richtung Partridge Green ab. Ganz plötzlich tauchten wir in die ländliche Stille Südenglands ein, gleiteten staunend und still genießend auf einsamen Sträßchen durch eine herrliche Landschaft, trafen auf gemütliche Ortschaften mit uralten, aber liebevoll restaurierte Häuschen, umrahmt von netten, gepflegten Gärtchen. So machte das Radeln deutlich mehr Spaß und wir dachten wieder an den zweiten Tag in der Normandie auf dem Weg nach Dieppe zurück. Obendrein wärmte uns die Morgensonne schon sehr angenehm. Es war herrlich!

Littleworth, Maplehurst oder Copsale hießen die Ortschaften die wir durchquerten, dazwischen reizvolle Abschnitte mit Kornfeldern oder Viehweiden, die Straße an beiden Seiten fast immer von Hecken eingerahmt. Ich erinnerte mich an eine Passage in Bill Brysons herrlichem England-Reisebericht „Reif für die Insel“, wo er ebenfalls über Englands Überfluß an Hecken schreibt. Bei Copsale sahen wir erstmals auch die Beschilderung eines Radweges nach Horsham. Witzig war dann, dass wir später immer wieder auf diese Schilder trafen, dann jedoch in die unterschiedlichsten Richtungen weisend. Wir verließen uns weiter auf unsere Landkarten und erreichten die südlichen Randbezirke der Stadt gegen 11.30 Uhr, wo wir auch wieder auf die von uns wenig geliebte A281 trafen.

Wir bogen nach links in Richtung Innenstadt ab, folgten der Beschilderung nach Guildford und umfuhren die City so schnell als möglich, um dem unangenehmen Stadtverkehr rasch zu entfliehen – wir wollten wieder raus in die Natur! Am Ortsende von Horsham verließen mich zwischenzeitlich erstmals meine Navigationskünste. Wir verloren beim Versuch einer Abkürzung die Orientierung, irrten in einem Wohn- und Industriegebiet herum, um am Ende doch wieder irgendwie auf dieser A281 zu landen. Schließlich entdeckten wir doch noch das versteckte Hinweisschild nach Rowhook. Dankbar bogen wir auf ein schmales Sträßchen in einen schattigen Wald ab und fanden uns sogleich in paradiesischer Ruhe wieder.

Hier wartete die erste ernsthafte Steigung des Tages auf uns – zwei weitere sollten noch folgen. Wir kamen so richtig ins Schwitzen, tranken viel und leerten dabei in kurzer Zeit unsere Flaschen bis auf den letzten Tropfen Ich ärgerte mich, nicht in Horsham noch in einem der vielen Supermärkte aufgetankt zu haben. Ein Blick auf die Landkarte ließ befürchten, dass sich in dieser abgelegenen Gegend auf absehbare Zeit vermutlich keine Gelegenheit bieten würde unseren Durst zu löschen. Die Lösung dieses Problems tauchte dann fast aus dem Nichts in Form des „Chequerer Inn“ auf, einem urigen Pub inmitten der Abgeschiedenheit. Gierig stürzten wir das herrlich kühle Mineralwasser in uns hinein – an den Preis von umgerechnet 5 € pro 0,5 Liter möchte ich allerdings nie mehr erinnert werden.

Über Oakwoodhill und Ewhurst Green erreichten wir die hübsche kleine Ortschaft Ewhurst zur Mittagszeit. Im Garten eines sehr gepflegten Pubs genehmigten wir uns Sandwich, Salat, viel Mineralwasser und zum Abschluß eine Tasse Kaffee. Während unserer Pause beobachteten wir staunend einen Gärtner, der doch tatsächlich die Höhe der Grashalme mit Messer und einer etwas größerer Nagelschere korrigierte. Nach einer halben Stunde Rast schwangen wir uns wieder auf die Drahtesel.

Zum Glück waren wir ausgeruht und frisch gestärkt, denn schon nach wenigen Hundert Metern stieg die Strasse zum „Pitch Hill“ steil an und forderte viel Kraft. Erstmals stiegen wir ab und schoben die Räder einen Teil der Strecke den Berg hinauf. Dafür wurden wir anschließend mit einer herrlichen Abfahrt hinunter nach Shere belohnt.

Der wirklich reizende Ort Shere schien so was wie eine kleine Touristenattraktion zu sein. Menschen wuselten durch die schmale Hauptstrasse, viele davon Radfahrer oder Wanderer. Vor den Cafés und Pubs saßen Leute in der Sonne, sogar eine Art Souvenirgeschäft konnte ich entdecken. Dort füllten wir unsere Getränkevorräte wieder auf. Während wir die Plastikflaschen in den Rucksäcken und Taschen verstauten, erschrak uns plötzlich ein unangenehmes Zischen aus Gabis Hinterrad – wir hatten unsere erste und eigentlich schon lange befürchtete Reifenpanne. Nun war das fachmännische Können eines Mannes gefragt! Mit wichtigem Blick machte ich mich an die Arbeit, legte Werkzeug und Ersatzschlauch parat, löste das Hinterrad, wurstelte die Kette von den Zahnkränzen, zog den Mantel von der Felge und hatte unerwartet schnell den defekten Schlauch in meinen inzwischen total verschmierten Händen. Soweit war das kein Problem. Doch als ich dann vor der Frage stand, wie ich den Mantel wieder unfallfrei über den neuen Schlauch bekäme, da wurde mir bewusst, dass ich schon seit mehr als 25 Jahren keinen Fahrradreifen mehr repariert hatte. Glücklicherweise erkannte ein gerade vorbei radelnder älterer Herr aus London meine Ratlosigkeit, hielt an und beriet mich fachmännisch. Minuten später war alles erledigt. Tja, wenn man weiß wie’s geht... Am Ende waren wir froh, dass wir den Plattfuß in Shere und nicht schon während der langen Abfahrt zuvor bekommen hatten. Wer weiß, wie das ausgegangen wäre? Und wer hätte uns unterwegs geholfen?

In Shere war zum ersten Mal unser vorletztes Etappenziel East Horsley angeschrieben. Wir überquerten die A25 und stürzten uns in die unvermeidliche letzte Bergetappe und kämpften uns schwitzend einen sehr steilen Anstieg hinauf, der sich schon lange am Horizont abgezeichnet hatte. Ich motivierte mich mit dem Gedanken, dass es der letzte sei, weil ich die Gegend dahinter von meinen zahlreichen Besuchen dort kannte. Oben angekommen irritierte uns wieder einmal ein vertauschtes Hinweisschild. Scheinbar ein beliebter Scherz in Britannien. Wir ließen uns jedoch nicht in die Irre führen. Wenig später näherten wir uns durch ein Naherholungsgebiet mit Ferienhäusern dem Randbezirk von East Horsley. Als dann auf der linken Straßenseite der Pub „Barley Mow“ auftauchte wusste ich, dass wir es geschafft hatten. Hier, in der ehemaligen Stammkneipe der Tyrrell-Mitarbeiter, hatte ich bei früheren Besuchen schon öfters zu Mittag gegessen. Ab hier kannte ich den Weg. Kurz darauf las ich mit einem Kribbeln in der Bauchgegend das Schild nach „Long Reach“, bog links ab und beschleunigte mein Tempo – ich konnte es kaum noch erwarten. Und schon wenige Minuten später entdeckte ich hinter Bäumen versteckt die ehemaligen Hallen von Tyrrell. Aufgeregt rollte ich kurz vor 16 Uhr die letzten Meter hinunter auf den großen Parkplatz vor den Hallen. Geschafft, ich hatte meine Wette eingelöst!!

Wir parkten unsere Räder im Schatten eines Baumes. Nachdenklich und traurig erzählte ich Gabi von meinen Besuchen hier, als Tyrrell noch aktiv war und hier die legendären Formel 1-Rennwagen gebaut wurden. Ich erzählte ihr von Tyrrells Anfängen in den 60ern, dass alles in der kleinen Holzhütte gegenüber begonnen hatte, dass von hier aus 3 Formel 1-Weltmeisterschaften gewonnen worden waren. Wir liefen zu Kens alter Hütte, wo wir Erinnerungsfotos schossen. Ein Herr kam auf den Parkplatz und fragte, was wir hier suchten. Ich erzählte von meiner Wette und er klärte mich auf, was für Firmen sich nun in den Hallen eingemietet hatten. Das Gelände einschließlich der Hallen gehört übrigens noch immer der Tyrrell-Familie. Ich schoß in sentimentaler Stimmung noch ein paar Erinnerungsfotos. Nach etwas mehr als einer halben Stunde brachen wir zu unserer Schlussetappe auf.

Nun waren’s noch etwa 20 Kilometer bis zum Haus meines Freundes Richard Impett, dem ehemaligen Produktionschef von Tyrrell, den ich bei meinem ersten Besuch im Werk 1993 kennen gelernt hatte. Wir radelten durch Ockham und Ripley, steiften die Industriestadt Woking, und erreichten den Vorort Knaphill gegen 18 Uhr. Kurz nach dem Weg zur Victoria Road erkundigt, wo mein Freund wohnt, und Minuten später klopften wir an seine Haustür. Ich hatte Richard das letzte Mal 10 Monate zuvor bei der Beerdigung von Ken Tyrrell gesehen. Damals hatte ich noch einmal bekräftigt, dass ich bei meinem nächsten Besuch mit dem Fahrrad vor dem Haus stünde. Jetzt war ich da!

Es war ein herzliches Wiedersehen. Wir hatten uns viel zu erzählen und eine Menge Spaß. Gierig reduzierten wir Richards Mineralwasservorräte, genehmigten uns auch ein leckeres Bierchen. Gabi mußte für das obligatorische Foto auf Richards Rennmotorrad im Gästezimmer (ja, im Gästezimmer!!) im ersten Stock Platz nehmen. Ich nutzte die Zeit, parkte unsere Drahtesel im Garten hinter dem Haus und packte unser Gepäck in Richards Auto. Dort lagen auch schon unsere Pakete mit frischen Klamotten, die wir 10 Tage zuvor schon von zuhause abgeschickt hatten. Wir waren ausgelaugt und müde, sehnten uns nach einer Dusche und einem Bett. Für diesen Abend war nichts mehr geplant. Wir vereinbarten, dass Richard uns zum Hotel fährt und wir uns erst am nächsten Tag wieder sehen würden.

Gegen 19.30 Uhr erreichten wir das Hotel. Richard hatte uns im „Bridge Barn“ in Woking untergebracht, einem sehr netten und modernen, an einem Kanal liegenden Hotel der Traveller’s In-Kette. Mit 45,- £ (etwa 70 €) war das Zimmer (allerdings ohne Frühstück) für englische Verhältnisse relativ preiswert. Ich kannte das Hotel bereits von einem früheren Besuch. Wir duschten kurz und machten uns schon wenig später zu Fuß in die Innenstadt von Woking auf, wo wir eine Pizzeria empfohlen bekommen hatten. Wir bestellten Pizza in der größten Ausführung, dazu gemischten Salat. Und zu trinken gab’s, neben viel, viel Wasser, das schon vertraute Heineken. Was sonst?

Hundemüde schleppten wir uns gegen 22 Uhr zurück ins Hotel. Kurz darauf schliefen wir schon tief.

 

An diesem letzten Reisetag bewältigten wir 75 Kilometer. Es war der anstrengendste Abschnitt gewesen, was wir in unseren müden Knochen deutlich spürten. Für die nächsten zwei Tage war nun Urlaub und Sightseeing angesagt.

Insgesamt hatten wir von Paris bis Knaphill 314 Kilometer auf unseren Fahrrädern zurückgelegt.

 

 

London

 

Um 4.30 Uhr war die Nacht für uns schon wieder zu Ende, obwohl wir erst 6 Stunden zuvor todmüde ins Bett gefallen waren. Vermutlich war’s die Vorfreude auf unseren London-Besuch an diesem Freitag.

Entsprechend früh tauchten wir auch schon im Frühstücksraum des Hotels auf, wo wir die noch völlig unmotivierten Bedienungen aus dem Halbschlaf rissen. Um unsere Reisekasse zu schonen entschieden wir uns für ein klassisch kontinentalisches Frühstück und verzichteten auf die leckere englische Variante mit Rührei, Speck oder Würstchen. Irgendwie sahen wir nicht ein, dafür weitere 5 € zu bezahlen. Wir waren dann auch mit knusprigem Toast, Butter, Marmelade, Wurst, Käse und Müsli sehr zufrieden.

Kurz nach halb neun wanderten wir schon durch die noch fast menschenleere Fußgängerzone von Woking. Ich fragte nach einem Geldautomat und lernte dabei, dass man diese Maschinen hier „hole in the wall“ nennt. Ich mußte lachen, diese Bezeichnung gefiel mir! Auf Umwegen erreichten wir den Bahnhof von Woking. Ab hier konnte eigentlich nichts mehr schief gehen. Fast alle 3 bis 4 Minuten verließ an einem der 4 oder 5 Bahnsteige ein Zug Woking in Richtung London. Am Ticketschalter riet mir der freundliche Fahrkartenverkäufer, das Ticket erst nach 9.30 Uhr zu kaufen, weil es dann um ca. 50% günstiger sei. Das muß man einem Schwaben nicht zweimal sagen. Geduldig warteten wir die 20 Minuten gegenüber des Bahnhofgebäudes in der herrlich warmen Vormittagsonne. Dann schlug ich zu, kaufte ein Kombi-Ticket, das auch für die Londoner U-Bahn gültig war, und schon kurz darauf saßen wir in einem modernen, gepflegten Schnellzug nach London-Waterloo. Ich verstehe gar nicht, warum die Engländer immer auf Ihre Eisenbahn und Zugverbindungen schimpfen? Ich fand das alles nicht schlechter als in Deutschland!

Waterloo Station erreichten wir kurz nach 10 Uhr. Ich entführte Gabi auf dem schnellsten Wege in die faszinierende Welt der Londoner U-Bahn, der „Tube“. Über Embankment fuhren wir nach Westminster. Es war schon beeindruckend, noch im U-Bahn-Ausgang den bekannten Turm mit „Big Ben“ zu erblicken und direkt vor den „Houses of Parliament“ aus dem Untergrund aufzutauchen. Wir schlenderten herum, bestaunten beeindruckt die Sehenswürdigkeiten, schossen Erinnerungsfotos. Die nächsten Stationen waren Trafalgar Square mit Lord Nelsons Denkmal („England expects that every man will do his duty“) und später Piccadilly. Von hier aus starteten wir die klassische Tour durch Londons Einkaufsstrassen Regent Street und Oxford Street. Wir besuchten die tollen Stores von Virgin und NIKE, der Höhepunkt war aber für uns das uralte Kaufhaus Liberty’s. Es ist nicht das größte in London und keinesfalls vergleichbar mit Harrods, aber Flair und die Atmosphäre in diesem altehrwürdigen Haus sind überwältigend!

Danach folgte der Abstecher zum Tower sowie ein Spaziergang über die Tower Bridge. Dazu die obligatorischen Fotos. Ein Fußmarsch brachte uns bis zur Common Road, von wo wir mit einem der weltbekannten roten Doppeldeckerbussen weiter bis Covent Garden fuhren - natürlich oben! Hier lachte ich schallend über den Humor des älteren, schwarzen Busschaffners. Als ich umständlich mit meinem gebrochenen Englisch eine Frage mit „Entschuldigen Sie bitte, ich bin aus Deutschland...“ begann, unterbrach er mich höflich, schüttelte mir kräftig die Hand und erwiderte: „Macht nichts, ich bin aus Portsmouth“. Köstlich!

In Covent Garden besuchten wir das London Transport Museum, das Museum der U-Bahn und roten Doppeldeckerbusse mit einem beeindruckenden Souvenir Shop. In Sachen Vermarktung Ihres Logos macht man diesen Leuten nichts vor! Wir streiften noch durch die vielen Shops und Verkaufsstände dieser ehemaligen Markthalle oder beobachteten einige der zahlreichen Straßenkünstler.

Inzwischen machte sich die Müdigkeit in unseren Gliedern immer deutlicher bemerkbar. Das Radfahren der Vortage und die langen Wege an diesem Tag steckten in den Knochen. Wir fuhren zur Waterloo Station, nahmen einen Zug nach Woking, wo wir gegen 19.00 Uhr im Hotel eintrafen.

Den Abend verbrachten wir zusammen mit Richard und Freunden aus der Formel 1 in einem gemütlichen italienischen Restaurant in Woking. Auch in diesem Fall möchte ich mich nicht mehr an die Rechnung für ein zwar sehr schmackhaftes, aber keinesfalls außergewöhnliches Abendessen erinnern. In dieser Hinsicht geht England gnadenlos mit den Geldbeuteln um!!

 

Unser weiches Doppelbett begrüßten wir kurz vor Mitternacht und schliefen gewohnt schnell ein.

 

 

Am nächsten Tag, einem Samstag, stand noch einmal ein Besuch in London auf der Agenda. Wir ließen uns Zeit mit Aufstehen, Duschen und Frühstück, weil wir ja erst nach 9.30 Uhr zum günstigen Tarif mit dem Zug fahren wollten. Heute wollten wir von der Westminster Pier aus eine Themsefahrt nach Greenwich unternehmen, um dort das Royal Observatory und das National Maritime Museum zu besichtigen, mein Lieblingsmuseum auf diesem Planeten.

Kurz vor halb zwölf tuckerte der hochmoderne City Cruise-Katamaran mit uns die Themse hinunter, vorbei am „London Eye“, dem großen Riesenrad gegenüber Westminster. Wir tauchten unter den vielen bekannten Brücken durch, passierten die beeindruckende HMS Belfast, einen Kreuzer aus dem zweiten Weltkrieg und ließen uns über Lautsprecher die vielen Sehenswürdigkeiten an den beiden Uferseiten der Themse erklären. Es hätte alles so vollkommen sein können, wenn a.) der Sprecher nicht in einem so unbeschreiblich fürchterlichen Akzent gesprochen hätte und b.) die Stühle nicht so mörderisch unbequem gewesen wären. Trotzdem genossen wir die Themsefahrt in vollen Zügen. Kann ich nur jedem empfehlen!

Auf Greenwich freute ich mich ganz besonders, obwohl ich schon 4 oder 5 mal hier gewesen war. Am Eingang zum National Maritime Museum dann die ganz große Überraschung: Der Eintritt inklusive Royal Observatory war frei! Ich hätte nie gedacht, dass das in England noch möglich ist, rechnete aber vorsichtshalber schon mal mit einer Benutzungsgebühr für die Fußwege oder ähnlichem.

Zuerst wanderten wir den Hügel hinauf zum Observatorium. Wie wir alle wissen, verläuft dort der Nullmeridian und teilt die Erde. Klar stellten auch wir die Füße links und rechts des Nullmeridians und machten das typische Foto, wie Millionen anderer Touristen vor und nach uns. Das eigentliche Highlight des Observatoriums befindet sich aber im Innern der Sternwarte. Hier ticken William Harrisons legendäre, über 250 Jahre alten Uhren, mit deren Hilfe erstmals auf See die Uhrzeit gemessen und damit die Position festgestellt werden konnte. Wer mehr darüber lesen möchte, dem sei das Buch „Längengrade“ von Dava Sobel wärmstens empfohlen! Ein toller Schmöker!

Von einer Plattform vor dem Observatorium hat man eine großartige Sicht auf den schönen Park, das Marinemuseum, das College dahinter sowie auf den unsäglichen Millennium Dome, einer riesigen Kultur- und Sporthalle am anderen Themseufer, die extra zum Jahrtausendwechsel als gigantisches Bauwerk fertiggestellt und schon kurz danach aus Geldmangel wieder stillgelegt wurde. Selten wurden in England Steuergelder überflüssiger investiert und vergeudet.

Wir schlenderten durch den herrlichen Park wieder hinunter zum Museum. Eigentlich hat man dort nur zwei Chancen: Man nimmt sich einen ganzen Tag zeit oder man läßt es ganz, weil es so unglaublich viel von der Seemacht England zu sehen gibt. Ein Wahnsinnsmuseum!!! Wir entschieden uns, wenigstens die Abteilung „Nelson“ zu besuchen, Englands wohl populärsten und meist verehrten Helden. Wir bewunderten unter anderem Nelsons blutverschmierte Uniform mit dem Einschussloch und lernten, dass seine letzen Worte „kiss me, Hardy“ waren. Jeder Engländer weiß das!

Nun war es fast schon an der Zeit, sich von London zu verabschieden. Vorbei an der „Cutty Sark“, einem eleganten Teeclipper aus dem vorigen Jahrhundert, der jetzt in Greenwich als Museumsschiff auf dem Trockendock liegt, liefen wir zur Anlegestelle und nahmen das nächst Schiff zurück in die City of London. Schnell noch ein paar Postkarten und Souvenirs für die Kids zu Hause gekauft und ab zur Waterloo Station, wo wir den selben Zug wie am Vortag zurück nach Woking nahmen.

 

Den Abend verbrachten wir mit Richard und seiner netten Lebensgefährtin Dianne in einer Gartenwirtschaft am Ufer eines herrlichen Natursees. Wir feierten schon unseren Abschied, für den nächsten Tag war die Rückreise eingeplant.

 

 

Dover – Oostende

 

Wir saßen schon unruhig mit gepackten Taschen vor dem Hotel in der Sonne, als uns Richard wie vereinbart um 11.30 Uhr abholte. Wir fuhren zu seinem Haus, verstauten dort unsere Fahrräder und das Gepäck in einem geliehenen VW-Transporter. Einen Teil unserer Radklamotten sowie schmutzige Wäsche verpackten wir in den Kartons, die wir schon von Deutschland nach England geschickt hatten. Richard sollte die Pakete am nächsten Tag zu uns nach Hause zurück senden.

Als alles verpackt war machten wir uns schon eine Stunde später auf die Reise nach Dover, wo wir pünktlich die gebuchte 17-Uhr-Fähre nach Oostende in Belgien erreichen wollten. Dort war auch ein Hotel für uns reserviert. Für den nächsten Tag war die Weiterreise von Oostende nach Hause geplant. Für Radtouristen ist der Weg über Oostende ideal, weil von hier aus Fernzüge direkt nach Deutschland verkehren. Wählt man die Rückreise zum Beispiel über Calais, LeHavre oder Dieppe, so hat man von dort nur Verbindung mit Nahverkehrszüge nach Paris, wo ein weiteres Umsteigemanöver notwendig ist. Zudem ist in diesen Zügen nicht immer die Radbeförderung gesichert. Deshalb die Route über Oostende.

Wir hatten kaum Verkehr, erreichten Dover schon kurz nach 14 Uhr, natürlich viel zu früh. Aber das war mir immer noch viel lieber, als unter Zeitdruck zu stehen oder gar zu spät zu kommen. So hatten wir noch Gelegenheit, uns ein wenig umzusehen und frühzeitig einzuchecken. Die Verabschiedung war gewohnt kurz und schmerzlos. Richard hat noch nie mit dieser Situation umgehen können und auch an diesem Tag bemerkte ich seine wäßrigen Augen. Er setzte uns mit Rädern und Gepäck an einem Kreisverkehr vor dem Hoverport, wie die Anlegestelle der Schnellfähren genannt wird, ab und brauste schnell davon. Wir winkten ihm lächelnd hinterher.

Nun saßen wir nach zwei Tagen wieder auf unseren bepackten Drahteseln, aber irgendwie war die Luft raus und wir hatten keine Lust mehr zu radeln und die Gegend zu erkunden. Für eine kurze Zeit rollten wir unmotiviert ans Ende der Promenade der kleinen Hafenstadt zum eigentlichen Fährhafen, betrachteten unterwegs stumm die zahlreichen an den zweiten Weltkrieg erinnernden Gedenktafeln, drehten dann jedoch um und checkten früh und bei Hoverspeed ein. Außer uns waren vielleicht noch weitere 4 oder 5 Fahrzeuge auf dem riesigen asphaltierten Areal mit den vielen Fahrspuren. Wir setzen uns auf eine Bank vor dem Terminal und vertrieben uns die Zeit damit, Fotos zu schießen, an unseren Taschen herum zu werkeln oder im Terminal die letzten britischen Münzen auszugeben. Später setzte sich ein nettes Motorrad-Pärchen aus Belgien zu uns. Interessiert fragten uns die beiden nach unseren Erfahrungen dieser Radtour aus, weil sie für das nächste Jahr eine Radtour mit dem Tandem von Belgien ans Mittelmehr planten. Es wurde eine interessante Unterhaltung.

Zwischenzeitlich wurde es merklich frischer, die Sonne verschwand hinter den aufkommenden Wolken und wir hofften, dass das Wetter noch für ein paar Stunden halten möge! Zu allem Überfluß blockierte nun auch noch eine Seacat aus Calais wegen einem technischen Defekt an der Maschine manövrierunfähig die Anlegestelle, während in ihrem Bauch geschraubt wurde. Unser Schiff dümpelte im Hafenbecken, konnte aber nicht anlegen. Wir beobachteten das alles von unserer Warteposition auf dem großen Parkplatz als einzige Fahrradfahrer eingeschlossen zwischen Horden von Motorradfahrern und vielen Autos.

Mit mehr als einer Stunde Verspätung bekamen wir dann grünes Licht und strampelten in Richtung Fähre. Wir wunderten uns, als wir im Bauch des Schiffes schon einige Fahrräder fest verzurrt vorfanden, die mit Ihren Besitzern eigentlich nach uns am Terminal angekommen waren. Wir hatten sie später nicht mehr gesehen und wunderten uns, wie sie vor uns auf die Fähre gekommen waren. Entweder, die kannten einen cleveren Kniff oder es handelte sich um Passagier erster Klasse, die selbst hier bevorzugt werden.

Wir stolperten die Treppe hoch aufs Passagierdeck und sicherten uns schnell zwei Fensterplätze in Fahrtrichtung. Dort hielt mich allerdings nichts. Ich musste meine Neugier befriedigen und wie schon auf der Hinfahrt das Schiff erkunden. Wir waren auf einer Katamaran-ähnlichen Seacat, etwas kleiner als die Superseacat, mit der wir 5 Tage zuvor von Dieppe nach Newhaven gesegelt waren. Das Schiff war wesentlich gepflegter als noch die Superseacat, vermutlich auch jünger, weil es sich um die neueste Version handelte, wie man auf dem auch hier im während der gesamten Überfahrt in den Fernsehern laufenden Werbevideo von Hoverspeed sehen konnte. Und während ich das hier so schreibe überlege ich mir, was für eine Bezeichnung für den nächsten Schiffstyp wohl auf Seacat und Superseacat folgen wird. Ich tippe auf „Megaseacat“.

Wir genossen erneut eine ruhige, angenehme Seereise. Leicht störend war nur der ölige Diesel- und Abgasgestank aus dem Parkdeck der Autos. Wir hatten uns in unmittelbarer Nähe des Treppenaufganges niedergelassen, die Türe dort ließ sich nicht verschließen. Ich nutzte die Zeit und begann mein mitgebrachtes Buch „Krieg der Welten“ von H. G. Wells zu lesen. Der Klassiker zog mich sofort in seinen Bann, weil die Handlung zufälligerweise genau in der Gegend spielte, wo wir die letzten drei Tage verbracht hatten, in Woking, Knaphill, Weybridge und London. Hätte ich das gewußt, dann hätte ich das Buch ganz sicher schon früher gelesen. Später erzählte man mir, dass in Woking sogar ein Denkmal zu Ehren von H. G. Wells steht, ebenso eine Skulptur der Marsmenschen. Zwischenzeitlich rief der Portier unseres Hotels in Oostende auf meinem Handy an. Er erkundigte sich, ob wir noch kämen, weil er nichts von der Verspätung der Fähre wußte.

Während der Überfahrt wurde es immer dunkler, Regenwolken zogen auf und wurden dichter, am Horizont waren erste Blitze zu erkennen. Als wir den Hafen von Oostende gegen 21 Uhr erreichten, stürmte es und regnete in Strömen – waagerecht!! Mit einem Schmunzeln dachte ich an die teuren Regenklamotten im Paket in Richards Wohnzimmer. Nun, es war jetzt nicht zu ändern, wir mußten in Jeans und Sweatshirts hinaus in dieses Gewitter. Schon nach den ersten Metern bis zur Zollkontrolle waren wir völlig durchnäßt. Der Grenzbeamte hatte ein einsehen, er winkte uns schnell durch. Zum Glück wußten wir, wo in etwa unser Hotel zu finden war, weil wir zusammen mit der Reservierungsbestätigung einen Lageplan erhalten hatten, den wir noch auf der Fähre studiert hatten. Über eine Brücke bogen wir rechts vom Hafen auf die Promenade und strampelten in der Dunkelheit ohne Licht etwa einen halben Kilometer am Strand entlang. Zum Glück fanden wir das Hotel „Die Prince“ auf Anhieb und retteten uns unter die schützende Markise an der Hauswand.

Wir checkten durchnäßt ein, parkten unsere Räder in einem Seiteneingang und bezogen unser enges Zimmer im zweiten Stock mit Blick in den Innenhof. Von unserem Fenster aus waren nur Hauswände zu sehen. Ich könnte mir nicht vorstellen, hier mehr als eine Nacht oder gar einen Urlaub zu verbringen, aber für die eine Nacht war’s in Ordnung. Aufs Duschen verzichteten wir großzügig, trockneten uns nur schnell die Haare ab, wechselten die Klamotten. Schon kurz nach unserem Einchecken standen wir wieder an der Rezeption und überreichten dem erstaunten Portier unsere Zimmerschlüssel.

Hungrig eilten wir die wenigen Schritte ins nahe Zentrum. Uns war nach einem schnellen, herzhaften Abendessen. Es mußte nichts besonderes sein. Schon in der ersten Straße entdeckten wir einen „Pizza Hut“. Wir nickten uns entschlossen zu: Das war genau das richtige für uns! Und wir wurden nicht enttäuscht. Tolle Pizza mit knusprigem Boden, frischer Salat, dazu endlich einmal wieder Heineken! Wir waren glücklich!

Auf unserem anschließenden Verdauungsspaziergang durch das nächtliche Oostende lernten wir eine interessante Fußgängerzone mit viel versprechenden Läden und später eine ebenso interessante Strandpromenade kennen. Schade, dass wir nicht am nächsten Tag noch Zeit hatten das alles genauer unter die Lupe zu nehmen.

Zurück auf dem Zimmer schauten wir erstmals seit Tagen wieder deutsches Fernsehen und erfuhren bestürzt Einzelheiten über die schlimme Flutkatastrophe im Osten Deutschlands. Müde fielen uns die Augen zu und langsam glitten wir in einen tiefen Schlaf. Auch der heftige Ehestreit in einem der Nachbarzimmer konnte uns nicht mehr davon abhalten.

 

 

Nach Hause

 

Mein Handy weckte uns an diesem Montagmorgen Punkt 7 Uhr. Meine erste Aufmerksamkeit galt der Fernbedienung der TV-Kiste. Endlich wieder Frühstücksfernsehen und die neusten Nachrichten schon am frühen Morgen – wie hatte ich das vermisst!! Nachdem der erste Wissensdurst befriedigt war hielt uns auch schon nichts mehr in diesem kleinen unpersönlichen Hotelzimmer und wir beeilten uns mit der Morgentoilette, wobei wir beim Duschen genüsslich das gesamte Badezimmer unter Wasser setzten, weil ein Duschvorhang fehlte.

Im Frühstücksraum waren wir mit Abstand die Jüngsten. Um uns herum schnatterte munter eine Gruppe liebenswerter Silberköpfchen und alle beluden zitternd ihre Teller am Büffet bis auch wirklich nichts mehr drauf ging. Das Durchschnittsalter lag nur unwesentlich unter dem Renteneintrittsalter und ich machte mir ernsthafte Gedanken um die touristische Attraktivität des Seebades – oder war einfach nur die Saison vorbei und die Zeit der Billigbusreisen angebrochen? Oder lag's einfach nur am Hotel? Ich hab’s nicht erfahren.

Satt und vom reichhaltigen Frühstück gestärkt checkten wir gegen 9 Uhr aus. Nach einem Abschiedsfoto vor dem Hotel setzten wir uns in Bewegung. Entlang der Promenade und vorbei am Fährhafen radelten wir in der frischen und feuchten Meeresluft dem Bahnhof entgegen. Ich versuchte mich dabei an meinen letzten Besuch hier vor etwa 8 Jahren zu erinnern, was mir aber überhaupt nicht gelang. Ich hatte alles viel größer in Erinnerung.

Nach wenigen Minuten erreichten wir den unauffälligen Kopfbahnhof mit seinen wenigen Gleisen und Bahnsteigen. Dafür das es mit die wichtigste Bahn-/Fährverbindung vom Festland nach England ist enttäuschte mich die Größe des Bahnhofs von Oostende doch. Nett in Erinnerung geblieben sind mir die altmodischen Blechschilder mit den Abfahrzeiten und Zielangaben der einzelnen Züge am Ende der Bahnsteige. Die von unseren Bahnhöfen gewohnten elektronische Anzeigen fehlten hier total, was mir diesen Bahnhof sehr sympathisch machte! Ich fühlte mich um Jahre zurückversetzt.

Gerade als wir eintrafen wurde unser Zug, der D 419 über Aachen nach Köln, bereitgestellt. Leider war kein Wagenstandsanzeiger zu finden und so liefen wir den gesamten Zug nach unserem reservierten Abteil mit Platz für die Räder ab. Wie erwartet fanden wir unser Ziel ganz vorne hinter der Lok.

Es ist für mich immer wieder erstaunlich, wie gut so eine grenzüberschreitende Reservierung funktioniert. Ich buchte in Deutschland übers Internet und bezahlte per Kreditkarte schon 2 Monate vorher. Nun besteige ich in Belgien einen Zug und finde zwei Plätze und zwei Haken für die Fahrräder für uns reserviert – toll! Okay, die Menschheit hat’s schon vor über 30 Jahren auf den Mond geschafft, aber nach vielen negativen Erfahrungen im Leben freut man sich doch immer wieder, wenn so eine schwierige Buchung unfallfrei klappt. Mir geht’s jedenfalls so!

Auch der Waggon der belgischen Eisenbahn überraschte mich positiv! Modern, mit angenehmen Sitzen und viel Beinfreiheit. Dazu während der Fahrt per Leuchtschrift Infos über den nächsten Halt und die vermutliche Ankunftszeit. Und erst die Toiletten! Alles hochmodern und vollautomatisch, mit elektrischem Handtrockner und Steckdosen für Rasierer. Echt super! Und das alles in einem D-Zug! Nachdenklich machte mich nur die Tatsache, dass es im Abteil nur die von uns belegten beiden Plätze für Fahrräder gab. Es waren die einzigen im gesamten Zug, wie ich später bei einer Visite durch alle Waggons feststellte. Wie soll hier eine Gruppe Radfahrer klarkommen??

Pünktlich um 9 Uhr 44 setzte sich der edle Zug in Bewegung und schon eine Stunde später näherten wir uns der belgischen Hauptstadt Brüssel. Im Abstand von nur wenigen hundert Metern stoppten wir an drei Bahnhöfen, dem Midi (wo der Eurostar in Richtung Tunnel abfährt), dem unterirdischen oder komplett überdachten Central und abschließend dem Brüssel-Nord direkt nach dem Wiedereintritt ans Tageslicht. Das wenige was wir aus dem Zug von Brüssel sehen konnten, war wenig einladend, aber wenigstens durfte ich für wenige Augenblicke in der Ferne das Atomium bewundern.

Bei Aachen überquerten wir kurz vor 13 Uhr die deutsche Grenze und knapp eine Stunde später erreichten wir Köln, wo wir in den IC 611 nach Stuttgart umstiegen. Im Radabteil dieses Intercitys waren wir in allerbester Gesellschaft. Radtouristen aus allen Teilen Deutschlands schnatterten munter durcheinander und erzählten von ihren Erlebnissen. Eine ältere Reisegruppe am Tisch schräg neben uns weckte mein ganz besonderes Interesse. Fahrräder, Ausrüstung und Bekleidung war vom Allerfeinsten, und aus ihren Gesprächen hörte ich, dass diese Gesellschaft gerade eine 14tägige Radtour auf dem Rheinradweg hinter sich hatte. Bis Mannheim durfte das ganze Abteil erfahren, was die Truppe in den vergangenen Tagen wann wo wie warum erlebt hatte. Unsere Zugfahrt verlief ja am Rhein entlang genau auf der Route die auch unsere Velohelden geradelt waren. Irgendwann hatte ich aber genug und latschte vorbei an den Fahrrädern in den vorderen Teil des Waggons, wo ich dem Lokführer bei seiner Arbeit über die Schulter schauen konnte. Ein anderer Grund war, das ein Mitreisender hinter uns seine Schuhe ausgezogen hatte und der Gestank unerträglich geworden war.

Ohne eine Sekunde Verspätung erreichten wir um 17.47 Uhr den Stuttgarter Hauptbahnhof. Hier noch eine Stunde Wartezeit, dann mit dem Regionalexpress 19921 in Richtung Nürnberg, und kurz vor 19.30 Uhr hatte uns die Heimat Fornsbach wieder. Beim Ausladen der Fahrräder dann noch ein abschließender Adrenalinstoß, als plötzlich ein Pfiff ertönte und die Türen automatisch schlossen, ich aber noch im Anteil war. Zum Glück bemerkte die Zugbegleiterin nach lautstarken Protesten ihren Patzer und ließ mich doch noch zusammen mit meinem Rad aussteigen.

Zu Hause angekommen überraschten uns die Kinder meiner Lebensgefährtin mit einem leckeren Abendessen auf der Terrasse. Eine größere Freude hätten sie uns nicht machen können – wir waren nach dem langen Tag und der Zugfahrt völlig ausgehungert.

 

 

© Uwe Schaefer