"Private Tyrrells"

 

Private Einsätze von Tyrrell-Rennwagen bei Weltmeisterschaftsläufen

 

 

Mitte der Siebziger war es Privatfahrern noch erlaubt, auf käuflichen Formel 1-Rennwagen bei Weltmeisterschaftsläufen teilzunehmen. Meist handelte es sich dabei um ausrangierte Autos verschiedener Teams aus dem Vorjahr. Auch Tyrrell-Rennwagen kamen dabei vereinzelt zum Einsatz.

Beim Grand Prix in Kyalami 1974 tauchte der erste Tyrrell-Rennwagen auf, der nicht vom Tyrrell Team selbst eingesetzt wurde. Der Südafrikaner Eddy Keizan startete damals bei seinem Heimat-GP auf einem Tyrrell 004, welcher von Alex Blignaut gemeldet wurde.

Der Tyrrell 004 war einst als vierter Wagen der "Serie Eins" im Oktober 1971 als "Langchassis" fertiggestellt worden, war sonst jedoch nahezu baugleich mit seinen Vorgängern 001, 002 und 003. Während seiner Zeit bei Tyrrell diente der 004 in erster Linie als Reservewagen für Jackie Stewart und wurde vom Schotten nur bei einem Grand Prix eingesetzt, in Monaco 1972 (4. Platz). Zwei weitere Rennen bestritt der 004 im selben Jahr mit Patrick Depailler am Steuer, als das Tyrrell Team in Frankreich und den USA jeweils einen dritten Fahrer an den Start brachte. Der Franzose wurde auf dem 004 in Clermont-Ferrand Sechzehnter und in Watkins Glen Elfter. Danach wurde der 004 im Oktober 1972 stillgelegt und später an Alex Blignaut verkauft.

Eddie Keizan qualifizierte sich in Kyalami mit der Startnummer 26 auf Platz 22. Der Südafrikaner sah dann im Rennen, mehrfach überrundet, zwar die karierte Flagge, wurde aber aufgrund des viel zu großen Rückstandes nicht gewertet.

Ein Jahr später versuchte sich Keizan erneut beim Grand Prix in Kyalami mit dem inzwischen schon drei Jahre alten 004. Wieder wurde der Wagen von Alex Blignaut gemeldet. Eddie qualifizierte sich auf Startplatz 24 und beendete das Rennen als Vierzehnter. Anders als im Vorjahr, hielten sich die Überrundungen in Grenzen und Keizan kam in die Wertung. Der 004 hatte die Startnummer 32.

Auch beim nächsten Privatauftritt eines Tyrrell-Rennwagens war, wie schon in den beiden Jahren zuvor, Kyalami der Schauplatz und auch der Fahrer war wieder ein Südafrikaner. Ian Scheckter, der jüngere Bruder des damaligen Tyrrell-Piloten und späteren Weltmeisters Jody Scheckter, steuerte beim Grand Prix von Südafrika 1975 einen 007/1, der von Lexington Racing gemeldet wurde.

Der 007/1 war als erstes Chassis dieser Serie im Frühjahr 1974 fertiggestellt worden und glänzte schon bei seinem Debüt, mit Jody Scheckter am Steuer, mit einem fünften Platz. Auch danach war 007/1 ein überaus erfolgreicher Rennwagen und er blieb bis Monza 1974 Scheckters Einsatzfahrzeug. Mit diesem Wagen siegte der Südafrikaner in Anderstorp und Brands Hatch, wurde in Monaco und auf dem Nürburgring jeweils Zweiter, in Nivelles und Monza Dritter, in Dijon Vierter und in Zandvoort Fünfter. Nur in Zeltweg kam der 007/1 nicht ins Ziel (Motorschaden), sonst landete dieser Wagen bei seinen zehn Einsätzen immer in den Punkten.

Ian Scheckters Leistung auf dem 007/1 war bemerkenswert. Im Training eroberte er sich den siebzehnten Startplatz und zeigte auch im Rennen eine feine Leistung, bis er durch einen harmlosen Unfall ausschied. Die Startnummer war 32.

Sein Bruder Jody gewann dieses Rennen übrigens auf dem Schwesterwagen 007/2 für das Tyrrell Team.

1976 versuchten sich gleich vier Privatfahrer mit gekauften Tyrrell-Rennwagen bei Weltmeisterschaftsläufen, nämlich Ian Scheckter, Alessandro Pesenti-Rossi, Otto Stuppacher und Kazuyoshi Hoshino.

Den Anfang machte wieder Ian Scheckter beim Großen Preis von Südafrika, was beinahe schon Tradition geworden war. Auch in diesem Jahr wurde der 007/1 von Lexington Racing eingesetzt, diesmal mit der Startnummer 15.

Scheckter qualifizierte sich als Fünfzehnter und lag damit in der Startaufstellung nur drei Plätze hinter seinem prominenten Bruder Jody. Das Rennen dauerte für Ian jedoch nur wenige Sekunden, denn er wurde in einen Startunfall verwickelt und schied aus.

Beim Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring steuerte dann der Italiener Alessandro Pesenti-Rossi einen 007/4 mit der Startnummer 40.

Der 007/4 wurde vom Tyrrell Team zum ersten Mal 1974 in Mosport mit Patrick Depailler am Steuer eingesetzt und dieser Wagen blieb daraufhin für 19 Rennen ununterbrochen Depaillers Einsatzwagen bis zum Grand Prix von Long Beach 1976. Dann kam der sechsrädrige P34 zum Einsatz und die letzten Fahrzeuge der Serie 007 blieben noch für kurze Zeit Ersatzwagen des Tyrrell Teams, bis diese dann endgültig abgestoßen wurden.

Pesenti-Rossi startete von Startplatz 26 ins Rennen und war am Ende bemerkenswerter Vierzehnter auf dem schwierigen Eifelkurs.

Beim darauffolgenden Grand Prix in Zeltweg brachte der Italiener den 007/4 erneut an den Start und beendete das Rennen, von Platz 23 gestartet, auf einem ausgezeichneten elften Rang. Der Wagen trug die Startnummer 39.

In Zeltweg meldete auch der Österreicher Otto Stuppacher einen 007/6 mit der Startnummer 39 zu seinem Heim-GP. Stuppacher wurde jedoch von den Veranstaltern nicht zugelassen.

Beim Training zum Großen Preis von Holland in Zandvoort tauchte wieder Pesenti-Rossi mit seinem unter Scuderia Rondini gemeldeten 007/4 auf. Der Italiener scheiterte jedoch mit der Startnummer 40 bereits im Training und mußte vorzeitig abreisen.

In Monza stellte Pesenti-Rossi den 007/4 auf Startplatz 21 und beendete seinen Heim-GP als Achzehnter. Es war der dritte und gleichzeitig letzte Grand Prix des Italieners. Sein Wagen hatte die Startnummer 37 und war wieder von der Scuderia Rondini gemeldet worden.

Beim Training zum GP von Monza tauchte auch Otto Stuppacher wieder auf. Er steuerte im Training den vom OEACS Racing Team gemeldeten 007/2 mit der Startnummer 39. Mit einer Zeit von 1.55,22 Minuten landete der Österreicher jedoch weit abgeschlagen hinter den anderen Fahrern und trat am Samstag Nachmittag enttäuscht die Heimreise an - zu früh wie sich später herausstellen sollte!

In den Tanks der Autos von Hunt, Mass und Watson wurde nämlich nach dem Abschlußtraining unerlaubter Sprit gefunden und allen drei Piloten daraufhin die Trainingszeiten gestrichen. Dadurch wäre Stuppacher mit seinem 007/2 automatisch ins Starterfeld aufgerückt und hätte auch am Rennen teilnehmen dürfen, doch der Österreicher erfuhr erst viel zu spät von seinem Glück und kam somit um seinen wohl einzigen Grand Prix seiner kurzen "Formel 1-Karriere".

Der von Stuppacher in Monza gefahrene 007/2 war der zweite Wagen dieser Serie und debütierte beim Tyrrell Team in Nivelles 1974 mit Patrick Depailler am Steuer. Depailler steuerte diesen Wagen anschließend bei allen europäischen Rennen mit Ausnahme von Monaco und Frankreich, als er kurzfristig in einen Ersatzwagen umsteigen mußte. Für die Nordamerikarennen 1974 erhielten beide Tyrrell-Fahrer neue Fahrzeuge mit den Chassisnummern 007/3 und 007/4. Scheckter zerstörte jedoch in Mosport beim ersten Anlauf seinen neuen 007/3 und bis zum holländischen Grand Prix in Zandvoort 1975 wurde der 007/2 der Einsatzwagen des Südafrikaners.

Mit Depailler am Steuer war das beste Resultat des 007/2 der zweite Platz beim schwedischen Grand Prix 1974. Jody Scheckter steuerte den 007/2 1975 zum Sieg in Kyalami und zu einem zweiten Platz in Zolder.

Otto Stuppacher wagte nach seinem Pech von Monza den kostspieligen Sprung über den Atlantik zu den beiden Nordamerikarennen. Im Gepäck hatte er den 007/6, mit dem er Wochen zuvor auch schon in Zeltweg antreten wollte. Der Wagen wurde in Mosport und Watkins Glen wieder vom OEACS Racing Team gemeldet und trug dort zum Training jeweils die Startnummer 39. Leider verfehlte der tapfere Stuppacher in beiden Fällen die Qualifikation.

Für das Saisonfinale 1976 im japanischen Fuji konnte sich der vielumjubelte Lokalmatador Kazuyoshi Hoshino, mit einem unter Heros Racing gemeldeten 007/5, auf Position 21 qualifizieren. Beim verregneten Rennen plagten den Japaner mit der Startnummer 52 dann Reifenprobleme und er schied zur Enttäuschung der vielen Zuschauer vorzeitig aus.

Ein Jahr später, wieder beim Grand Prix von Japan, sah man den letzten privaten Einsatz eines Tyrrell-Rennwagens. Unter dem Namen Muritsu Racing Team wurde erneut der 007/5 gemeldet, welcher noch im Vorjahr von Kazuyoshi Hoshino beim Saisonfinale eingesetzt worden war. Diesmal hieß der Fahrer Kunimitsu Takahashi, die Startnummer war 50.

Takahashi stellte den 007/5 in Fuji auf den 22. Startplatz und beendete das Rennen als bemerkenswerter Neunter, dem besten Ergebnis das je ein Fahrer auf einem privat eingesetzten Tyrrell-Rennwagen erreichte.

Der bei den Japanrennen 1976 und 1977 eingesetzte 007/5 stand von seiner Fertigstellung an den Tyrrell-Fahrern Scheckter und Depailler als Reservewagen zur Verfügung und wurde von diesen beiden nie bei einem Grand Prix an den Start gebracht.

Beim Großen Preis von Frankreich in Le Castellet 1975 steuerte Jean-Pierre Jabouille den 007/5, als das Tyrrell Team einen dritten Fahrer meldete. Jabouille wurde Zwölfter. Seinen zweiten und letzten Renneinsatz beim Tyrrell Team erlebte der 007/5 beim Saisonfinale 1975 in Watkins Glen mit dem Franzosen Patrick Leclère als dritten Tyrrell-Fahrer am Steuer.

Nach Takahashis Rennen auf dem 007/5 in Fuji 1977 trat niemals danach wieder ein privat gemeldeter Tyrrell-Rennwagen bei einem Grand Prix an.

 

 

© Uwe Schaefer