1975

 

 

Nur noch Mittelmaß

 

 

 

Ohne nennenswerte Veränderungen startete das Tyrrell Team in die neue Saison. Das Fahrergespann hieß wieder Scheckter/Depailler, Elf verlängerte seinen Sponsorenvertrag und Ford war weiterhin Motorenlieferant. Nach dem hervorragenden Abschneiden in der vorangegangenen Saison sah man die "Lernphase" für die beiden Piloten als beendet an und die Erwartungen für diese Saison natürlich entsprechend höher: Der Titel war erklärtes Ziel für Ken Tyrrell!

Ein neues Auto wurde für 1975 nicht gebaut, man setzte weiterhin auf den mittlerweile ausgereiften und bisher so erfolgreichen 007. Gardner hatte den 007 während der Winterpause überarbeitet und in Details verändert. So wurden bei allen Fahrzeugen die innnenliegenden Scheibenbremsen vorn wieder in die Räder verlegt und die Flügel besaßen ein neues Profil. Scheckters Wagen bekam einen doppelten Überrollbügel verpaßt und bei Depaillers 007 wurde ein längs neben dem Cockpit liegender Wasserkühler angebracht. Unverändert blieben dagegen Radstand und Spur. Zu Beginn dieser Saison standen dem Team die modifizierten Einsatzwagen 007/2 für Scheckter und 007/4 für Depailler zur Verfügung.

Die Experten erwartete allerdings schon für den spanischen Grand Prix das Nachfolgemodell 008 und rechnete wieder, wie schon bei Gardners erster Konstruktion für Tyrrell 1970, mit einem "geheimen Projekt", welches dann der überraschten Fachwelt urplötzlich präsentiert wird. Ganz so falsch lagen diese Prognosen nicht, denn in Gardners Kopf spukte bereits zu dieser Zeit eine außergewöhnliche Idee. Allerdings sollte es noch bis zum Herbst dauern, bis diese Idee auch umgesetzt wurde...

 

Wie bereits 1974, startete auch in diesem Jahr Patrick Depailler in Argentinien erfolgreicher in die neue Saison. Schon im Training war der Franzose mit seinem achten Platz der Schnellere gewesen und Rennen bescherte seinem Team mit einem fünften Rang gleich die ersten WM-Punkte des Jahres.

Für den als Mitfavorit in dieser Saison gehandelten Scheckter dagegen war es ein Wochenende zum vergessen. Schon am Freitag blieben ihm wegen eines Getriebeproblems gerade einmal 20 Minuten der dreistündigen Trainingssitzung, während sein Teamkollege eifrig seine Runden drehte. Am Samstag reichte es für ihn mangels optimaler Abstimmung nur zum neunten Startplatz und beim Rennen knallte ihm dann Jochen Mass gleich in der ersten Runde ins Heck. Dieser Rempler verdarb natürlich alle Aussicht auf eine gute Plazierung und die darauffolgende Aufholjagd brachte ihn am Ende mit einer Runde Rückstand nur auf einen enttäuschenden elften Platz.

 

In Brasilien beklagten sich beide Fahrer über ein miserables Handling ihrer 007 und wieder waren die unbefriedigenden Startplätze acht und neun das enttäuschende Ergebnis, nun allerdings mit Scheckter vor Depailler in genau mgekehrter Reihenfolge als noch beim Grand Prix in Argentinien.

Am Sonntag verabschiedeten sich beide Tyrrell-Piloten vorzeitig: Scheckter machte ein undichter Ölkühler einen Strich durch die Rechnung und Depailler schied durch einen Unfall aus, verursacht durch einen gebrochenen Längslenker.

Nach nun zwei Rennen stand das Top-Team Tyrrell mit nur 2 Zählern am Ende der WM-Tabelle und Titel-Mitfavorit Jody Scheckter hatte gar noch nicht einen einzigen Punkt auf seinem Konto, während Titelverteidiger Fittipaldi mit schon 15 Punkten davonzueilen schien. Scheckter wie Tyrrell liefen Gefahr, sich bald aus dem Kreis der Titelanwärter zu verabschieden.

 

Ab dem Großen Preis von Südafrika in Kyalami verzichtete Derek Gardner auf die Torsionsstabfederung an der Hinterachse und ersetzte diese bei den Einsatzwagen durch eine Aufhängung mit Federbeinen. Nur der Ersatzwagen war noch mit der ursprünglichen Aufhängung ausgerüstet.

Im Training zu seinem Heim-GP qualifizierte sich Scheckter mit seinem "neuen" 007 dann als Dritter, flog jedoch anschließend von der Bahn und zerstörte dabei diesen Wagen. In aller Eile bauten die Mechaniker die neue Aufhängung in den Ersatzwagen ein, doch zu allem Überfluß platzte dann beim Aufwärmtraining am Sonntag vormittag der Motor und die Mechaniker mußten bis zum Start noch das Triebwerk wechseln.

Im Rennen bedankte sich dann Scheckter mit einem Sieg im Ersatzwagen für die hervorragende Arbeit bei seinen Mechanikern. Er hatte bereits in der dritten Runde die Führung übernommen und kämpfte über die gesamte Distanz gegen den hart attakierenden Carkos Reutemann. Erst gegen Ende des Rennens zog der Argentinier seine Krallen etwas ein und Scheckter gewann mit vier Sekunden Vorsprung.

Auf dem Siegerpodest traf er auf seinen Teamkollegen Depailler, der, als Fünfter gestartet, einen hervorragenden dritten Platz erkämpft hatte. Depaillers Erfolg hing aber an einem dünnen Faden, denn in den Schlußrunden flogen ihm die Fetzen seiner Reifen um die Ohren und das Rennen hätte keine Runde länger dauern dürfen!

Durch seinen Sieg war Scheckter nun mit neun Punkten auf den vierten Platz der Fahrer-WM vorgerückt und ab sofort wollte er wieder ernsthaft in den Titelkampf eingreifen.

In Kyalami war, wie schon in den zwei Jahren zuvor, wieder ein privat eingesetzte Tyrrell am Start. Ian Scheckter, Jodys jüngerer Bruder, startete auf einem von Lexington Racing gemeldeten 007/1. Dieser Wagen war der erste der Serie 007, der mit Jody Scheckter am Steuer beim spanischen Grand Prix 1974 debütierte und von Jody in zehn aufeinanderfolgenden Rennen bis einschließlich in Monza ununterbrochen sehr erfolgreich eingesetzt worden war.

Ian Scheckter startete von der 17. Position, schied jedoch durch einen Unfall aus.

 

Wie zu dieser Zeit üblich, begann die Formel 1-Saison in Europa mit den nicht zur Weltmeisterschaft zählenden Rennen Race of Champions in Brands Hatch und BRDC International Trophy in Silverstone. Für die Teams war dies eine willkommene Gelegenheit, vor dem nächsten Grand Prix zu testen und außerdem lockte auch ein interessantes Preisgeld.

In Brands Hatch setzte Ken Tyrrell nur den mit einer neu entwickelten Frontschnauze versehenen Siegerwagen von Kyalami mit Jody Scheckter am Steuer ein. Scheckter fuhr im Training die zweitbeste Zeit und führte dann im Rennen lange, bis ihn ein Motorschaden zur Aufgabe zwang. In Silverstone verhinderten überhitzende Hinterreifen einen Erfolg Depaillers, der hier als einziger Tyrrell-Fahrer an den Start gegangen war. Er wurde Fünfter.

Trotzdem war

 

Der Grand Prix von Spanien stand für alle Beteiligten unter einem unglücklichen Stern. Zuerst wollten die Fahrer wegen der unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen nicht starten, gaben aber dem Druck der Teamchefs und des Veranstalters nach. Nur Fittipaldi blieb konsequent und verzichtete auf einen Start.

Die befürchtete Katastrophe ereignete sich dann in der 25. Runde, als sich am Auto des in Führung liegenden Rolf Stommelen der Heckflügel löste und der nun unkontrollierbare Wagen in die Streckenbegrenzung knallte. Vier hinter einem Abfangzaun stehende Personen wurden dabei getötet und das Rennen drei Runden später abgebrochen. Als Sieger wurde mit halber Punktzahl Jochen Mass gewertet.

Die beiden Tyrrells waren zu diesem Zeitpunkt schon nicht mehr im Rennen. Depailler hatte seinen 007 schon beim Getümmel in der Startrunde leicht beschädigt und mußte mit gebrochener Hinterradaufhängung aufgeben. Nur drei Runden später verabschiedete sich auch Scheckter mit einem Motorplatzer aus diesem WM-Lauf und sorgte damit für eine weitere Nullrunde für Tyrrell.

Größere Auswirkungen auf Scheckters Titelchancen hatte dieser Ausfall jedoch nicht. Scheckter war nun zwar auf den fünften Platz der Fahre-WM zurückgefallen, der Rückstand auf den führenden Fittipaldi nach dessen Nichtstart allerdings der gleiche geblieben.

 

In Monaco ging es wieder etwas aufwärts für Tyrrell, leider punktete allerdings der "falsche" Fahrer an diesem Wochenende für das britische Team. Es war der Tag des Patrick Depailler, der vom zwölften Startplatz auf den fünften Platz vorfahren konnte und dabei auch die schnellste Rennrunde für sich verbucht hatte. Es sollte aber auch die einzige dieser Saison für Tyrrell bleiben.

Scheckter ärgerte sich nach dem Rennen über einen kurzen Konzentrationsfehler, der ihn wichtige WM-Zähler gekostet hatte. Bei einem Ausrutscher hatte sich der Südafrikaner das linke Hinterrad an der Leitplanke beschädigt, was ihn zu einem weiteren, außerplanmäßigen Boxenstop zwang. Mit einer Runde Rückstand wurde Scheckter am Ende enttäuschter Siebter.

Zu allem Überfluß hatten Scheckters härteste Rivalen wieder punkten können und der Abstand auf Fittipaldi war nun auf 13 Zähler angewachsen. Aber noch standen neun WM-Läufe aus und Scheckter hatte noch genügend Chancen, mit dem mittlerweilen sehr gut laufenden 007 den Rückstand zu verkürzen. In Belgien wollte er den Anfang machen.

 

Tatsächlich konnte das Tyrrell Team in Zolder endlich wieder voll überzeugen und belegte am Ende die Plätze zwei (Scheckter) und vier (Depailler).

Noch im Training hatte es für Tyrrell überhaupt nicht nach einem erfolgreichen Wochenende ausgesehen. Nach Scheckters neuntem und gar Depaillers zwölftem Startplatz hätte wohl kein Experte auf einen Tyrrell-Fahrer in diesem WM-Lauf gewettet. Doch im Rennen zeigte sich der 007 von seiner besten Seite und die Tyrrell-Piloten in Hochform.

Scheckter war schon nach wenigen Runden an die zweite Position gestürmt und hetzte fortan den – allerdings mit großem Vorsprung – führenden Lauda vor sich her. Scheckters Aufholjagd wurde jedoch gegen Ende des Rennens Grenzen gesetzt, als sich seine Treibstoffanzeige meldete und der Südafrikaner aus diesem Grund auch von seiner Boxenmannschaft zu etwas defensiveren Fahrweise ermahnt wurde. Scheckter entschied sich, besser den sicheren zweiten Platz zu retten, als kurz vor dem Ende noch auszuscheiden. Seine Entscheidung erwies sich als die einzig richtige: Kurz nach der Zieldurchfahrt blieb sein Tyrrell mit leerem Tank am Ende der Boxengasse stehen...

Teamkollege Depailler wurde von denselben Problemen eingebremst. Auch er hätte am Ende beinahe noch den vor ihm fahrenden Reutemann eingeholt, mußte aber mußte aber wie Scheckter zurückstecken und kam mit dem allerletzten Tropfen Sprit ins Ziel.

Etwas haderte das Tyrrell Team nach diesem Lauf schon mit dem Schicksal. Endlich waren die Piloten einmal von Unfällen oder technischen Schwierigkeiten verschont geblieben und fuhren ein tadelloses Rennen, dann fehlen ein paar Liter Sprit um noch erfolgreicher sein zu können. Trotzdem reiste man zufrieden zurück nach England, denn im Titelkampf hatte Scheckter wieder aufschließen können und lag nur noch acht Punkte zurück.

 

 

Leider erhielt Tyrrells Höhenflug schon zwei Wochen später in Schweden einen Dämpfer und das Team war vom Vorjahrestriumph weit entfernt, als man noch einen Doppelsieg hatte feiern können.

In Anderstorp lief es genau umgekehrt als in Zolder zwei Wochen zuvor: Einem starken Training folgte ein enttäuschendes Rennen. Depailler stellte seinen 007 mühelos auf den zweiten Startplatz und Scheckter erkämpfte trotz erheblicher Fahrwerksprobleme noch einen unter diesen Umständen respektablen achten Startplatz.

Depailler hielt seinen zweiten Platz bis zur 14. Runde, fiel dann jedoch nach einem sehr langen Boxenstop aussichtslos zurück. Eine Halteklammer einer Bremsleitung hatte sich gelockert und Bremsflüssigkeit war ausgetreten. Am Ende mußte er sich mit dem zwölften Platz zufriedengeben.

An Scheckters Tyrrell hatten auch zahlreiche Fahrwerkskorrekturen nach dem Training keine Verbesserung gebracht und mit seinem störrischen 007 fuhr der Südafrikaner ein einsames Rennen. Er war nie in der Lage, um Spitzenplätze zu kämpfen und sein siebter Platz im Endklassement kam hauptsächlich durch die zahlreichen Ausfälle zustande.

Scheckters Rückstand auf den siegreichen Niki Lauda betrug nun bereits 17 Punkte und so langsam machte sich im Tyrrell-Lager Ernüchterung breit. In Zandvoort mußte man nun unbedingt zurückschlagen.

 

Leider konnte aber auch in Holland nicht gepunktet werden und das große Ziel Weltmeisterschaft war nun fast unerreichbar geworden. Man mußte die Überlegenheit der Ferraris anerkennen und mußte einsehen, daß man mit den vorhandenen Mitteln nicht ernsthaft um den Titel kämpfen konnte.

Scheckter fiel einmal mehr durch einen Motorschaden aus. Der Südafrikaner war auf nasser Strecke von der vom vierten Startplatz perfekt weggekommen und lag von Beginn an hinter Lauda an zweiter Stelle. Doch nach dem Abtrocknen der Piste und den damit verbundenen Reifenwechseln auf Slicks war der Südafrikaner nur noch auf dem fünften Platz zu finden. Als dann sechs Runden vor Schluß sein Motor platzte, lag er an dritter Stelle, zwar hinter Lauda, aber immerhin auf einem Podestplatz. Scheckter wurde trotz seines Ausfalles aufgrund der zurückgelegten Distanz noch als Sechzehnter in die Wertung genommen.

Depailler patzte, sehr zum Ärger seines Teamchefs, wieder einmal in der ersten Runde. Ein Nahkampf mit Brambilla nahm ihm ein Vorderrad übel und der Franzose mußte auch seine Vorderradaufhängung überprüfen lassen. Dieser Boxenstop warf ihn weit zurück und ein enttäuschender neunter Platz war die Folge seines Kampfgeistes.

 

In LeCastellet erschien Tyrrell mit einem neuen, um 15 Kilogramm leichteren Chassis für Jody Scheckter – und mit einem dritten Fahrer. Mit Jean-Pierre Jabouille gab ein weiterer Franzose sein Formel 1-Debüt in einem Wagen von Ken Tyrrell. Ihm stand der nun freigewordenen 007/5 zur Verfügung.

Scheckters neues Chassis schien ein Volltreffer zu sein: Platz zwei im Training und die mit Abstand schnellste Höchstgeschwindigkeit auf der langen Mistralgeraden, noch vor den Ferraris, was einige Teamchefs an der Legalität von Tyrrells Ford-Motoren zweifeln ließ.

Im Rennen kämpfte dann Scheckter wie ein Löwe – und wurde am Ende entsetzter Neunter. Nur in der Anfangsphase hatte er seinen zweiten Platz hinter dem davoneilenden Lauda halten können, dies nicht zuletzt aufgrund seiner hohen Topspeed auf der langen Geraden. In den Kurven dagegen lag sein Tyrrell sehr nervös und vor allem beim Herausbeschleunigen geriet das Heck häufig außer Kontrolle. So war es nur eine Frage der Zeit bis er von seinen Konkurrenten überholt und nach hinten bis auf den neunten Platz durchgereicht wurde.

Depailler war einer derer, die ihn im Laufe des Rennens überholten. Der Franzose fuhr an diesem Tage laufend am Limit und bot eine sehr starke Vorstellung. Vom 13. Platz gestartet schnitt sich Depailler durch das Feld und verdiente sich mit seinem sechsten Platz noch einen WM-Punkt.

Auch Debütant Jabouille schlug sich beachtlich. Nach anfänglichen Problemen mit Elektrik, Getriebe und Benzinzufuhr während der Trainingstage, steuerte er seinen störrischen 007/5 auf einen sehr guten zwölften Platz. Er war von Position 21 gstartet.

 

In Silverstone bescherte Scheckter dann seinem Team das letzte Erfolgserlebnis dieser enttäuschenden Saison. Er wurde nach einem chaotischen Rennen am Ende Dritter.

Bei einsetzendem Regen hatte der Südafrikaner, vom sechsten Platz gestartet, als einer der ersten auf Regenreifen gewechselt und das Feld dann deutlich angeführt. Doch leider entschied sich Scheckter dann zu früh wieder für profillose Reifen, wurde vom erneut einsetzenden Regen überrascht und fiel zurück. Als es in der 55. Runde wie aus Kübeln zu Regnen begann, war auch Scheckter, zu dieser Zeit auf dem dritten Platz fahrend, einer von vielen, die von der Bahn kreiselten und den Streckenrand in einen großen Schrottplatz verwandelten. Zum Glück für Scheckter wurde das Rennen aber schon eine eine Runde später mit der roten Flagge abgebrochen und Scheckter als Dritter gewertet, weil laut Reglement nicht die allerletzte, sondern die Runde vor dem Abbruch zur Wertung des Rennens herangezogen wird. Endlich hatte Scheckter einmal das Glück auf seiner Seite.

Der schon eine Runde vor Jody Scheckter in den Fangzäunen gestrandete Depailler war ebenfalls Nutznieser dieser Regelung, wenngleich es für ihn nicht mehr für Punkte reichte. Der Franzose hatte schon im Training mit seinem enttäuschenden 17. Startplatz fast alle Chancen verspielt und wurde am Ende als Neunter geführt.

 

Beim Training zum Großen Preis von Deutschland auf dem Nürburgring belegten die beiden Tyrrell-Fahrer die zweite Startreihe. Scheckter war Dritter vor Teamkollege Depailler.

Der Franzose konnte am Freitag von ereignisreichen Trainingssitzungen erzählen. Vormittags brach auf der Strecke, weit weg von den Boxen, ein Stoßdämpferaufhängungspunkt. Kurz entschlossen lieh sich Depailler von irgendjemanden an der Strecke Werkzeug und reparierte den Schaden selbst. Mit eineinhalb Stunden Verspätung tauchte er dann wieder samt Fahrzeug bei seinen völlig überraschten Mechanikern auf. Am Nachmittag nahm Depailler das Training mit dem Muletto wieder auf, um erneut weit draußen, diesmal mit Reifenschaden liegenzubleiben. Doch in diesem Fall half auch seine Improvisationskunst nicht weiter und der Franzose mußte diesen Trainingstag abhaken. Umso stärker ist dann seine Leistung am Samstag einzustufen, wo er sich mit seinem vierten Startplatz in den Favoritenkreis für das Rennen fuhr.

Das Rennen entwickelte sich an diesem Sonntag als reifenverschleißende Angelegenheit und leider fiel auch Scheckter in der siebenten Runde einem Reifenschaden zum Opfer, verbunden mit einem spektakulären Abflug. Sein 007 war fast ein Totalschaden, aber Scheckter entstieg diesem Wrack glücklicherweise unverletzt. Bis zu seinem unsanften Ausscheiden hatte der wie entfesselnd fahrende Südafrikaner eine tolle Show abgezogen. Beim Start hatte seine Kupplung verweigert und Jody kam erst in Fahrt, als ein Großteil des Feldes schon in die Südkehre eingebogen war. Nach der ersten Runde noch Fünfzehnter, lag er bei seinem Reifenplatzer schon in Schlagdistanz zum fünftplazierten James Hunt.

Depailler setzte seine Serie von Kuriositäten auch am Sonntag fort. Er verlor ein Teil seiner Vorderradaufhängung vor dem Karussel und tauchte zur Reparatur an den Boxen auf. Dort baute man das Teil aus dem Reservewagen aus und in Depaillers Einsatzwagen ein. Das Problem war nur, das dieser Reservewagen verschlossen in der Tyrrell-Garage im entfernten Fahrerlager stand und das Teil von dort herangeschafft werden mußte. Depailler verlor so mehr als eine Runde und fiel dadurch weit zurück. Am Ende war unter diesen Umständen nicht mehr als ein neunter und gleichzeitig letzter Platz möglich.

Zuschauer machten übrigens später genau dieses von Depailler verlorene Aufhängungsteil für die zahlreichen Reifenschäden verantwortlich. Es war nämlich sehr lange Zeit auf der Ideallinie gelegen, ohne von den Streckenposten entfernt zu werden, und es wurde beobachtet, wie zahlreiche Fahrer über die scharfen Tyrrell-Trümmer rasten.

 

In Zeltweg lief es nicht besonders gut für die Tyrrell-Truppe und an die tollen Leistungen vom Nürburgring konnte man nicht anknüpfen. Die Startplätze zehn (Scheckter) und sieben (Depailler) waren dann doch etwas weniger als erwartet.

Im der mit über einer Stunde Verspätung gestarteten Regenschlacht machten dann die Vorderreifen an beiden Fahrzeugen einen Strich durch die Rechnung und Scheckter sowie Depailler, der zwischenzeitlich schon auf Rang drei aufgetaucht war, verloren jeweils eine Runde an den Boxen. Als dann sintflutartige Regenschauer nach 29 Runden die Rennleitung zum – längst überfälligen – Abbruch zwangen, lagen Scheckter auf dem achten und Depailler gar nur auf dem elften Rang.

Das Wochenende in Zeltweg wurde von zahlreichen Unfällen überschattet, darunter leider auch der tödliche des Amerikaners Mark Donohue, der während des Aufwärmtrainings am Sonntag morgen verunglückte und Tage darauf seinen Verletzungen erlag.

 

Bevor es zum letzten europäischen Rennen nach Monza ging, nahm Tyrrell noch am unbedeutenden "GP" der Schweiz im französischen Dijon teil. Hier war das Glück wieder auf Tyrrells Seite und Depailler belegte im nur 16 Fahrer starken Starterfeld den zweiten Platz.

 

Beim Großen Preis von Italien stimmte wenigstens wieder die Trainingsleistung von Jody Scheckter, der die viertschnellste Zeit fahren konnte. Teamkollege Depailler dagegen startete nur vom zwölften Platz.

Scheckter wurde dann aber am Sonntag einmal mehr Opfer seiner ungestümen Fahrweise. Anfangs der zweiten Runde, Scheckter hatte bereits einen Platz gutgemacht, peilte der Südafrikaner die erste Schikane falsch an und geriet ins trudeln, ohne jedoch dabei irgendwo anzuschlagen. Das in dieser Anfangsphase hinter Scheckter noch relativ eng beieinanderliegende Feld gerit in diversen Ausweichmanövern völlig durcheinander und jeder fuhr dem anderen in die Reifen, die Sachschäden hielten sich allerdings in überschaubaren Grenzen. Schon bald tauchten dann nacheinander acht Autos bei ihren Mechanikern auf, um ihre Kampfspuren beseitigen zu lassen, unter ihnen auch der Auslöser Scheckter. Er ließ allerdings nur die mit Gras verstopften Kühlerschächte säubern, verlor aber so mehr als eine Runde und fand sich später am Ende des Feldes wieder. Am Ende reichte es so nur zum achten Platz.

Depailler war unbeschadet durch das Chaos in der zweiten Runde, um sich dann aber in der 15. Runde vor genau dieser Schikane auch zu drehen und dadurch mehr als eine halbe Minute zu verlieren Damit verspielte er an diesem Tage wohl sichere Punkte und sah die karierte Flagge auf dem undankbaren siebten Platz.

 

Schon lange war Tyrrell und vielen Experten klar geworden, daß Derek Gardner möglichst bald einen Nachfolger für den inzwischen nicht mehr voll konkurrenzfähigen 007 präsentieren mußte, wollte das Team nicht noch weiter in der Mittelmäßigkeit abtauchen. An den beiden schnellen Fahrern, das wußten alle, konnte der enttäuschende Verlauf des Jahres 1975 nicht gelegen haben, hatten doch diese beiden noch im Vorjahr so hervorragende Leistungen geboten.

Als dann das Tyrrell Team die Weltpresse und Fachleute am 22. September ins Londoner Heathrow Hotel einlud, waren natürlich alle sehr gespannt, was sich Tyrrells ehrgeiziger Konstrukteur hatte einfallen lassen, um das einstige Weltmeister-Team wieder an die Spitze zurückzuführen. Was die zahlreichen Gäste dann zu sehen bekamen, versetzte sie in großes Staunen: Der unter der Typenbezeichnung Project 34 (P 34) enthüllte Wagen hatte sechs Räder!

Zuerst hielten viele dieses Auto für einen geschickten PR-Gag und warteten auf die Präsentation des "echten" Rennwagens. Doch als Gardner sein Prinzip mit den vier kleineren Vorderrädern erläuterte und Ken Tyrrell Testfahrten für Oktober ankündigte, wurde allen klar, daß Tyrrell mit diesem sensationell Wagen 1976 ernsthaft um die Weltmeisterschaft kämpfen wollte.

Nun war das Tyrrell Team und sein neuer "Tausendfüßler", natürlich sehr zum Gefallen von Sponsor Elf, in aller Munde und die Fachwelt diskutierte heftig das Für und Wider dieser eigenwilligen Konstruktion. Neugierig sahen alle den Ergebnissen der ersten Tests entgegen.

 

Doch bevor es soweit war, reiste der Grand Prix-Zirkus noch zum letzten WM-Lauf nach Watkins Glen, wo Tyrrell wieder mit drei Fahrern antrat. Neben Scheckter und Depailler startete der Franzose Michel Leclère auf dem 007/5 für das Team aus Ockham.

Der Saisonabschluß war halbwegs versöhnlich. Auch wenn Depailler wagen Unfalls und Leclère mit Motorschaden nicht ins Ziel kamen, rettete doch wenigstens Scheckter mit seinem sechsten Platz noch einen letzten Punkt aus dieser verkorksten Saison.

 

Die Saisonbilanz war niederschmetternd für das ehrgeizige Tyrrell Team: In der Konstrukteurswertung war man auf den fünften Platz zurückgefallen, in der Fahrerweltmeisterschaft lag Scheckter, als Mitfavorit in die Saison gegangen, am Ende auf dem enttäuschenden siebten Platz, Depailler auf dem neunten. Nur ein Rennen konnte durch Scheckter in Kyalami gewonnen werden und Depailler war in Monaco die einzige schnellste Rund für Tyrrell 1975 gefahren. Ein zweiter Platz, zwei dritte Ränge, ein vierter Platz und jeweils zwei fünfte und sechste Plätze waren die magere Ausbeute dieser Saison. Wie im Vorjahr kam man achtmal nicht ins Ziel, je vielmal wegen Unfall oder technischem Defekt.

 

Nach der Rückkehr aus den USA bereitete sich das Tyrrell Team mit Hochdruck auf die nächste Saison vor. Noch im Oktober testeten Scheckter und Depailler den bislang einzigen existierenden sechsrädrigen Versuchswagen in Silverstone und anschließend in LeCastellet. Die Ergebnisse waren ermutigend, doch erst Mitte Dezember entschieden sich Ken Tyrrell und Derek Gardner, mit dieser gewagten Konstruktion die Formel 1-Weltmeisterschaft 1976 zu bestreiten und sofort wurde mit dem Bau mehrerer Chassis begonnen. Bis zum Grand Prix-Debüt des P 34 sollte der alte 007 eine letzte Gnadenfrist erhalten.

 

 

© Uwe Schaefer