1972

 

 

 

Kein Glück für Tyrrell

 

 

 

 

 

Unverändert ging Tyrrell in die Saison 1972 um seinen Titel zu verteidigen. Elf war weiterhin Hauptsponsor, Ford lieferte die neuesten Versionen seiner Cosworth-Triebwerke und Goodyear seine erstklassigen Reifen. Gardner arbeitete inzwischen an seiner neuesten Konstruktion, dem 005, doch bis zu dessen Fertigstellung mußten die Fahrer Stewart und Cevert mit ihren Einsatzfahrzeugen (003 für Stewart und 002 für Cevert) aus dem Vorjahr vorlieb nehmen. Der 004 diente als Ersatzwagen.

 

 

Die neue Saison begann für Tyrrell, wie die das Vorjahr geendet hatte: Mit einem Sieg für Stewart. Er gewann das Auftaktrennen in Buenos Aires nach einem Start vom zweiten Platz, führte die ganze Zeit und fuhr auch die schnellste Runde. Cevert lag lange an vierter Position, mußte dann aber wegen eines Getriebedefektes aufgeben.

 

 

Von Buenos Aires reiste das Team nach Südafrika, wo schon Chassis 004 in Kyalami für Reifentests bereitstand. Beide Fahrer erprobten tagelang neueste Reifenmischungen von Goodyear.

 

 

Beim nachfolgenden Grand Prix von Südafrika im März zahlten sich die Testfahrten gleich aus. Stewart sicherte sich die Pole-Position und führte im Rennen lange Zeit, bis er dann wegen eines Getriebeschadens aufgeben mußte.

Cevert fuhr in Kyalami mit neu konstruierten vorderen Radträgern und integrierten Bremssätteln, die gut funktionierten und danach standardmäßig bei allen Tyrrells eingeführt werden sollten. Nicht ganz so gut funktionierten im Rennen andere Teile an Ceverts Wagen. Mit Zündungsproblemen mußte er die Boxen ansteuern und ging nach kurzer Reparatur mit großem Rückstand wieder auf die Strecke. Dann fehlte ihm plötzlich der dritte Gang und der Franzose landete abgeschlagen auf dem neunten Rang.

 

 

Die europäischen Rennen begannen in Jarama, nahe Madrid. Es war wieder ein Wochenende zum Vergessen für das Tyrrell Team. Stewart übernahm schon kurz nach dem Start die Führung, fiel dann aber ab Runde 19 zurück und drehte sich zu allem Überfluß später auf einer Ölpfütze. Dabei demolierte der Schotte die Frontpartie seines 003 und mußte aufgeben.

Auch Cevert hatte Pech. Der Franzose lag an fünfter Stelle, als ein Vorderreifen Luft verlor und gewechselt werden mußte. Kaum wieder im Rennen machte ein Motorschaden einen Strich durch seine Aufholjagd.

 

 

In Monaco gab der bei Stewart ungeliebte 004 sein Grand Prix-Debüt, weil sein bevorzugter 003 nach dem Unfall in Spanien noch nicht wieder einsatzfähig war. Mehr als ein achter Startplatz war für den Weltmeister mit diesem Wagen nicht machbar, sein schlechtestes Trainingsergebnis seit über zwei Jahren!

Im Regenrennen lief es dann aber zeitweise besser und Stewart kämpfte sich bis auf die zweite Position vor, drehte sich dann jedoch im Übereifer und wurde zudem noch von Fehlzündungen wegen einer feuchten Elektronik beeinträchtigt. Am Ende mußte er mit dem vierten Platz zufrieden sein.

Cevert hatte ähnliche Probleme. Er mußte seine Elektronik sogar in den Boxen trocknen lassen und erreichte das Ziel mit großem Rückstand als Achtzehnter, wurde jedoch nicht mehr gewertet.

 

 

Nach Monaco fühlte sich Stewart sehr unwohl und er sagte geplante Testfahrten in Nivelles ab. Die Ärzte diagnostizierten ein Geschwür und verordneten dem Schotten eine Pause um sich zu erholen. Vielleicht war diese Krankheit ein Grund der Formschwäche des amtierenden Weltmeisters während der vorangegangenen Rennen.

 

 

In Belgien brachte Tyrrell nur einen Wagen mit Francois Cevert an den Start. Nach einem fünften Trainingsplatz wurde Cevert Zweiter hinter Fittipaldi und beendete seine Durststrecke. Er war vorher seit seinem Sieg in Watkins Glen Ende 1971 nicht mehr in die Punkte gefahren.

 

 

Zum Großen Preis von Frankreich war der genesene Stewart wieder von der Partie und auch Tyrrells neuer 005 war endlich einsatzfähig. Das Auto war in Silverstone kurz getestet worden und sollte von Cevert bei seinem Heim-Grand Prix seine Feuertaufe bestehen. Angesichts des gewachsenen Fuhrparks entschloß sich Tyrrell, in Clermont-Ferrand ein drittes Fahrzeug für den jungen französischen Formel 3-Fahrer Patrick Depailler zu melden. Für ihn wurde der 004 vorbereitet.

Stewart meldete sich eindrucksvoll auf der Formel 1-Bühne zurück: Dritter im Training und ein Sieg im Rennen!

Teamkollege zerstörte den 005 schon im Training, nach dem er zuvor Bestzeit gefahren war, und belegte mit seinem 002 den vierten Platz.

Neuling Depailler konnte sich nicht wie gewünscht in Szene setzen. Ein Reifenschaden hielt ihn lange an der Box fest und am Ende landete er abgeschlagen auf Platz 20, wurde jedoch nicht mehr in die Wertung genommen.

 

 

Beim Training zum Großen Preis von England war es dann zur Abwechslung Jackie Stewart, der den 005 erneut beschädigte und alle Planungen des Tyrrell Teams über den Haufen warf.

Der Schotte belegte in Brands Hatch mit dem 003 den zweiten Platz und Cevert schied nach einem Unfall aus. Zu allem Überfluß schlitterte später noch Peterson in Ceverts gestrandeten 002 und die Tyrrell-Mechaniker erhielten zum beschädigten 005 einen weiteren Patienten.

 

 

Zum Großen Preis von Deutschland nahm Tyrrell nur die "alten" Wagen mit. Der wieder reparierte 005 wurde zur gleichen Zeit von Clubfahrer Vern Schuppan in Silverstone einem ausgiebigen Testprogramm unterzogen.

Stewart startete auf dem Nürburgring aus der ersten Reihe und balgte sich lange mit Regazzoni um den zweiten Platz. Kurz vor Schluß gerieten die beiden heftig aneinander, mit der Folge, daß Stewart aufgeben mußte, aber am Ende noch als Elfter gewertet wurde. Stewart war tief enttäuscht und mußte einsehen, daß nun, da nur noch vier Rennen ausstanden, die Titelverteidigung in weite Ferne gerückt war.

Cevert beschädigte seinen gerade reparierten 002 im Training erneut und landete auf dem provisorisch geflickten, nur sehr schwer steuerbaren Wagen auf dem zehnten Platz.

 

 

In Zeltweg gelang dann endlich die längst überfällige Premiere des 005. Nach einem Start aus der zweiten Reihe setzte sich Stewart an die Spitze und baute seinen Vorsprung kontinuierlich aus. Alles sah nach einem sicheren Sieg des Schotten aus, bis er wegen starker Vibrationen und Übersteuern immer langsamer wurde und schließlich von Fittipaldi eingeholt wurde. Stewart war überzeugt, daß irgend etwas gebrochen war und rettete sich vorsichtig als Siebter ins Ziel.

Cevert kam mit seinem 002 überhaupt nicht zurecht und wurde enttäuschter Neunter.

 

 

Tyrrell versuchte bei anschließenden Testfahrten in Silverstone den Vibrationen am 005 erneut auf die Spur zu kommen, doch sie fanden keine Lösung. Das alte Problem mit den innenliegenden Bremsen konnte es nicht sein, denn diese waren zwischenzeitlich schon durch außenliegende ersetzt worden. Durch Zufall wurde dann der linke Vorderreifen ausgetauscht, der noch immer seit dem Österreich-Rennen montiert war, und wie durch eine Wunder war das Auto perfekt. Wahrscheinlich war die Innenseite der Reifen durch zuviel Radsturz ungleichmäßig abgefahren worden und hatte dadurch die Vibrationen verursacht. Es konnte kein weiterer Fehler gefunden werden.

 

 

In Monza hatte Stewart nur noch eine theoretische Chance auf die Weltmeisterschaft, indem er alle drei noch ausstehenden Rennen gewinnen mußte, während Fittipaldi jeweils ohne Punkte ausgehen mußte.

Doch nach seinem dritten Platz im Training brachte sich Stewart schon vor dem Start um seine letzte Chance. Noch in der Aufwärmrunde übte er mit seinem 005 zwei Starts und ruinierte sich dabei, trotz vorheriger Warnung seiner Techniker, seine Kupplung. Als Folge davon blieb Stewart am Start stehen und reiste nur wenige Minuten später ins Hotel ab.

Cevert schaffte mit dem in die Jahre gekommenen 002 nur Platz 20 im Training, so weit hinten war er in seiner Formel 1-Karriere noch nie gestartet. Im Rennen fiel er mit einem Motorschaden aus und er konnte Stewart frühzeitig ins Hotel folgen.

 

 

Beide Weltmeistertitel waren in Monza an Fittipaldi und Lotus gegangen und die letzten Rennen in Nordamerika hatten eigentlich nur noch statistischen Wert. Trotzdem reiste das Tyrrell Team hochmotiviert über den Atlantik. Mit dem 006 war inzwischen der zweite "Serie Zwei"-Wagen für Francois Cevert rechtzeitig fertig geworden und man betrachtete die Rennen als Vorbereitung für das nächste Jahr. Man wollte der Konkurrenz zeigen, daß der Weg zum Titel 1973 wieder über Tyrrell führte.

 

 

Tatsächlich zeigte sich das Tyrrell Team in Amerika von seiner allerbesten Seite. Stewart dominierte im 005 in Kanada, fuhr die schnellste Runde und siegte mit fast einer Minute Vorsprung, während Cevert mit einem Getriebeschaden am neuen 006 aufgeben mußte.

In Watkins Glen bescherten Stewart und Cevert ihrem Team zum Saisonabschluß noch einen Doppelsieg und unterstrichen damit das Potential der neuen Tyrrell-Rennwagen. Stewart gelang der Hattrick: Pole-Position, schnellste Runde und überlegener Sieg! Cevert beruhigte mit seinem tollen zweiten Platz sein angekratztes Selbstvertrauen. Er war in dieser Saison zuvor nur zweimal in die Punkte gefahren.

Depailler, der mit dem 004 wieder einen dritten Tyrrell steuern durfte, beendete das Rennen als Siebter und verfehlte nur ganz knapp einen Punkterang.

 

 

Trotz vier Siegen war man in Ockham mit dem Verlauf dieser Saison verständlicherweise nicht zufrieden. Keiner der beiden Weltmeistertitel war verteidigt worden und es reichte jeweils nur zur Vizeweltmeisterschaft für Jackie Stewart und Tyrrell. Die Konkurrenz hatte aufgeholt und die neuen Wagen der "Serie Zwei" waren, unter unglücklichen Umständen, erst viel zu spät zum Einsatz gekommen, hatten sich dann aber gleich voll konkurrenzfähig gezeigt. Betrachtet man die Rennen in Mosport und Watkins Glen am Ende des Jahres, dann hätte ein früherer Einsatz der neuen Fahrzeuge im Sommer das Blatt vielleicht noch zugunsten Tyrrells wenden können.

Die Ausfallquote war weit höher als im Vorjahr: Zehnmal kamen die Tyrrells nicht in die Wertung, davon sechsmal wegen technischem Defekt. Zweimal schied man durch einen Unfall aus und zweimal kamen die blauen Renner mit zu großem Rückstand ins Ziel und wurden nicht gewertet. Dagegen standen vier Siege, drei zweite und zwei vierte Plätze. Nur zweimal war ein Tyrrell von der Pole-Position gestartet und viermal drehte ein Tyrrell die schnellste Rennrunde.

 

 

Die überlegenen Leistungen beim Saisonabschluß in Nordamerika machten das Team fest entschlossen, die verlorenen Weltmeistertitel 1973 wieder nach Surrey zurückzuholen. Derek Gardner entwickelte eifrig seine "Serie Zwei"-Wagen für den Saisonstart weiter und schon für April 1973 war der Einsatz der neuer Wagen der "Serie Drei" geplant.

Noch im Dezember rückte man zu umfangreichen Testfahrten nach Brasilien auf die Rennstrecke von Interlagos aus und bestens vorbereitet sah man dem Saisonstart Ende Januar in Argentinien entgegen.

 

© Uwe Schaefer