1970

 

 

 

Das Übergangsjahr

 

 

 

 

 

Nach der Trennung von Matra und dem recht kurzfristigen Deal mit Matra, ging man in Ockham ohne große Illusionen in die neue Saison. Die March 701 wurden als Übergangslösung betrachtet und Tyrrell arbeitete im Hintergrund schon an einer Eigenkonstruktion für das Jahr 1971.

Trotzdem wollten Tyrrell und Stewart das Beste aus dieser Situation machen. Die Sponsoren Elf und Dunlop waren dem Team treu geblieben und gemeinsam bereitete man sich gewohnt sorgfältig auf die Titelverteidigung vor. Mit einer großen Menge neuer Dunlop-Reifenmischungen ging es nach Kyalami, wo Stewart sein neues Gefährt kennenlernte.

 

 

Die Saison begann wider erwarten sehr vielversprechend. Beim Training zum Großen Preis von Südafrika fuhr Stewart die Bestzeit und führte im Rennen, wurde dann jedoch noch von Brabham und Hulme überholt und kam schließlich als Dritter ins Ziel. Johnny Servoz-Gavin, wieder als zweiter Fahrer im Team, schied mit einem Motorschaden aus.

 

 

Danach folgte das Race of Champions in Brands Hatch, wo Stewart wieder die Trainingsbestzeit fuhr, im Rennen dann vom Pech Olivers und Brabhams profitierte und überraschend gewinnen konnte. Trotz des Sieges war er mit dem schwerfälligen 701 alles andere als zufrieden.

 

 

In Spanien bescherte Stewart March sogar den ersten Grand Prix-Sieg, es sollte allerdings der einzige Tyrrell-Sieg dieses Jahres bleiben! Der amtierende Weltmeister führte von der ersten bis zur letzten Runde, was jedoch weniger auf das March-Chassis als mehr auf die Fahrkunst Stewarts und die hervorragende Abstimmungsarbeit seiner Tyrrell-Mechaniker zurückzuführen war. Servoz-Gavin wurde Fünfter.

 

 

Bei der BRDC International Trophy in Silverstone war Stewart wieder in der Spitze zu finden. Im ersten Lauf wurde der Schotte Zweiter, den zweiten Lauf konnte er sogar gewinnen und fuhr zudem noch die schnellste Runde. In der Gesamtwertung beider Rennen belegte Stewart Rang zwei.

 

 

In Monaco startete Stewart von der Pole-Position und führte 28 Runden, schied dann allerdings mit einem Motorschaden aus. Servoz-Gavin war nicht gestartet und beschloß noch an diesem Wochenende, seine Formel 1-Karriere zu beenden.

 

 

Im belgischen Spa mußte Stewart erneut mit Motorschaden aufgeben. Er war von der Pole-Position gestartet und bis zu seinem Ausfall auch kurz in Führung gelegen.

 

 

In Zandvoort stieß Francois Cevert, der Schwager des Ex-Tyrrell-Piloten Jean-Pierre Beltoise, als zweiter Fahrer zum Team. Bei der Suche nach einem Ersatz für den zurückgetretenen Servoz-Gavin erinnerte sich Ken Tyrrell an den Franzosen, der ihm bei einigen Formel 2-Rennen aufgefallen war. Unterstützt wurde diese Fahrerwahl auch von Jackie Stewart, der sich mit Cevert schon auf der Rennstrecke gebalgt hatte, sowie natürlich von Sponsor Elf, der einen französischen Fahrer im Team begrüßte.

Für Cevert war der das Rennen in Holland sein zweiter Grand Prix, allerdings der erste in einem Formel 1-Fahrzeug, denn bereits beim Großen Preis von Deutschland 1969 hatte er mit einem Tecno Formel 2 teilgenommen, was damals noch erlaubt war. Der Franzose fiel bei seinem ersten Einsatz für Tyrrell mit Motorschaden aus. Stewart wurde hinter dem brandneuen Lotus 72 von Jochen Rindt in Zandvoort Zweiter.

Das Rennen wurde überschattet vom tödlichen Unfall des Briten Piers Courage.

 

 

Es folgten vier Große Preise ohne WM-Punkte für das erfolgsverwöhnte Tyrrell Team.

In Frankreich wurde Stewart noch Siebter, doch in England, Deutschland und Österreich fiel er jeweils mit technischem Defekt aus. In Brands Hatch fing der Motor Feuer, in Hockenheim stoppte ihn ein Motorschaden und in Zeltweg riß die Benzinleitung.

Nur wenig besser sah die Bilanz dieser vier Rennen für Teamkollege Cevert aus. Elfter in Clermont-Ferrand, jeweils Siebter in Brands Hatch und Hockenheim, Motorschaden in Zeltweg.

Die Titelverteidigung war für Stewart längs unmöglich geworden und beide Fahrer erwarteten sehnsüchtig Gardners neue Konstruktion. Es konnte nur noch besser werden!

 

 

Auch wenn die March-Chassis nicht von Feinsten waren, schuld am bisher enttäuschenden Abschneiden waren in erster Linie die Ford-Motoren. Cosworth hatte eine Motorenkrise!

Die Mehrzahl aller Teams setzte mittlerweile auf den Achtzylinder und das Werk in Northhampton war nicht mehr imstande, die vielen Triebwerke, etwa 70 waren im Umlauf, nach den Rennen zu warten. An eine Weiterentwicklung war überhaupt nicht mehr zu denken, da alle verfügbaren Techniker für die Instandhaltung und Reparaturen der Motoren eingesetzt wurden.

 

 

Ende August war es dann endlich soweit: Beim Gold Cup-Rennen in Oulton Park startete Stewart erstmals mit dem neuen 001 und nach einem Boxenstop verbesserte er zweimal den Rundenrekord, schied jedoch mit einem Problem an der Ölversorgung aus.

Dieser erste Kurzeinsatz war zwar wenig aufschlußreich, doch der Wagen war von Beginn an schnell gewesen und Tyrrell hatte anschließend das Gefühl, auf dem richtigen Wege zu sein.

 

 

Beim Training zum Großen Preis von Italien vereitelten gravierende Mängel am Treibstoffsystem das Grand Prix-Debüt des 001 und der Wagen tauchte nur zum Training auf, das Rennen bestritt Stewart ein letztes Mal mit dem March 701.

Stewart wurde hinter Regazzoni Zweiter und Cevert erkämpfte sich mit einem sechsten Rang den ersten Formel 1-Punkt seiner Karriere. Doch freuen konnte sich niemand über dieses Erfolgserlebnis, denn Stewarts Freund Jochen Rindt war bei einem tragischen Trainingsunfall ums Leben gekommen.

 

 

Nach Monza wurde der 001 in Ockham nochmals überarbeitet und die bisher aufgetretenen Mängel beseitigt, um den Wagen dann, zusammen mit den 701, für die Reise über den Atlantik zu verladen, wo er die letzten Rennen in Kanada, USA und Mexiko bestreiten sollte.

 

 

Auch in Kanada lief zunächst nicht alles nach Plan. Donnerstag vereitelte ein Motorschaden am 001 geplante Testfahrten. Am Freitag gab es wieder Ärger mit dem 001, als sich wiederholt die Räder lockerten und Stewart wechselte laufend zwischen dem March und dem neuen Tyrrell.

Beim Samstagstraining wurde erneut am 001 gearbeitet und Stewart kämpfte im March gegen die Ferraris um die Trainingsbestzeit. Kurz vor Ende des Abschlußtrainings, er lag zu dieser Zeit auf dem dritten Rang, setzte sich Stewart nochmals in den 001 und in seiner letzten Runde verdrängte er Jacky Ickx noch von der Pole-Position.

Der Schotte hatte nun die Wahl zwischen einem Start aus der ersten Reihe mit seinem neuen Tyrrell, oder einem Start mit dem March aus der zweiten Reihe. Er entschied sich für den Tyrrell. Die Saison war sowieso abgehakt, so daß er das Risiko mit dem noch anfälligen Auto leicht eingehen konnte. Zudem ermöglichte ein Start mit dem 001 zusätzliche "Testrunden" unter Rennbedingungen.

Im Rennen zog Stewart dann für 31 sensationelle Runden dem Feld souverän davon und nahm seinen Verfolgern pro Runde über eine Sekunde ab, ehe er wegen einer gebrochenen Vorderradaufhängung aufgeben mußte.

Cevert war im March 701 lange Zeit Vierter, ein gebrochener Stoßdämpfer warf ihn jedoch zum Schluß bis auf den neunten Platz zurück.

 

 

Die Probleme an den Radträgern und Naben des 001 waren vor Ort nicht zu beheben und so flog Gardner in aller Eile nach England zurück, um diese Teile neu zu konstruieren. Zulieferer Jack Knight Development arbeitete nonstop und als Gardner zehn Tage später zum Großen Preis der USA in Watkins Glen eintraf, hatte er zwei komplett neue, stärkere Radträger im Reisegepäck.

 

 

In Watkins Glen demonstrierte Stewart erneut, welch großer Wurf Gardner mit dem 001 gelungen war. Stewart startete aus der ersten Reihe und führte das Feld wieder überlegen an, bis ab Runde 76 blauer Rauch aus dem Heck des Tyrrell Unheil ankündigte, eine Ölleitung war gebrochen. Bei einem kurzen Boxenstop versuchten die Mechaniker, den Schaden zu beheben, doch nach weiteren sechs Runden kam das endgültige Aus. Auch Cevert war schon nicht mehr im Rennen, er hatte ein Rad verloren.

 

 

Beim Saisonabschluß in Mexiko lag Stewart mit seinem 001 zwischen beiden Ferraris auf dem zweiten Rang, mußte jedoch nach 14 Runden mit Problemen an der Lenkung die Boxen ansteuern. Mit einer Runde Rückstand nahm er das Rennen wieder auf und fuhr schnellerer Zeiten als die Spitze, um dann in Runde 33 mit gebrochener rechter Vorderradaufhängung erneut in der Boxenstraße aufzutauchen. Diesmal war es kein Materialschaden, Stewart hatte einen streunenden Hund überfahren!

Auch Cevert konnte das Rennen nicht beenden, er mußte mit Motorschaden aufgeben.

 

 

Mit dem Verlauf der Saison konnte man in Ockham natürlich nicht zufrieden sein. Insgesamt war man bei elf Zielankünften nur sechsmal in die Punkteränge gefahren. Ein Sieg, zwei zweite Plätze, ein dritter, ein fünfter und ein sechster Platz waren, im Vergleich zu den Vorjahren, ein recht bescheidener Erfolg. Viermal konnte Stewart die Trainingsbestzeit erreichen. Dreizehn Ausfälle waren auf technischen Defekt zurückzuführen, darunter insgesamt acht Motorschäden.

 

 

Doch Ken Tyrrells Rechnung war zum Ende der Saison voll aufgegangen! Auch wenn die Amerikaauftritte des neuen 001 ohne zählbaren Erfolg geblieben waren, hatte das Auto jedoch in den Händen von Jackie Stewart eindrucksvoll seine Siegerqualitäten bewiesen. Für die nun ausstehenden Sponsorenverhandlungen hatte Tyrrell alle Trümpfe in der Hand!

Auch Stewart sah nach einer frustrierenden Saison endlich wieder Licht am Horizont. Der Schotte erkannte das Potential des neuen 001 und schlug ein lukratives Angebot von Ferrari aus, weil er fühlte, daß er mit diesem Wagen 1971 wieder Weltmeister werden konnte. Stewart sollte recht behalten.

 

 

© Uwe Schaefer