1968

 

 

 

Equipe Matra International

 

 

 

 

 

Zum Saisonstart in Kyalami waren Matras neue Formel 1-Chassis nicht rechtzeitig fertig geworden, so daß Ken Tyrrell für sein Debüt als Teamchef auf das umgebaute MS9-Testvehikel zurückgreifen mußte. Jackie Stewart schien das überhaupt nicht zu irritieren: Er fuhr die drittschnellste Zeit und stellte den Formel 2-Renner in die erste Startreihe! Im Rennen am Neujahrstag 1968 übernahm der Schotte sogar die Führung in der Startrunde, fiel dann jedoch schon bald zurück und mußte schließlich, an dritter Stelle liegend, in der 44. Runde mit einem Motorschaden aufgeben.

 

 

Ken Tyrrell war trotzdem nicht enttäuscht. Unter den gegebenen Umständen hatte man das Beste aus der Situation gemacht und hoffnungsvoll sah man dem neuen MS10 entgegen. Der MS9 wurde nie mehr bei einem Rennen eingesetzt und lief nur noch im Sommer für einige Versuchszwecke auf der Rennstrecke von Albi.

 

 

Für die Rennen in Europa waren die neuen Matras vom Typ MS10 und MS11 endlich fertig. Der MS10 war für die Aufnahme des Cosworth DFV konstruiert worden und stand dem Team von Ken Tyrrell zur Verfügung. Das Matra Werksteam erhielt den MS11 mit größerem Tank und anderen Aufhängungsbefestigungen für den V12-Motor.

 

 

Den ersten Einsatz hatte der MS10/01 beim nicht zur Weltmeisterschaft zählenden Race of Champions in Brands Hatch. Stewart war entsetzt! Er hatte größte Mühe, den Wagen auf der Geraden unter Kontrolle zu halten und in Kurven untersteuert der Matra fürchterlich. Hinzu kam noch, daß die Bremsen den ungeheuren Belastungen nicht gewachsen waren. Viel Zeit verlor Stewart auch noch bei einem Boxenstop, bei dem die Pedale nachgestellt werden mußten, weil sich Brems- und Kupplungspedal gegenseitig im Wege gestanden waren. Mit viel Mühe konnte Stewart noch den sechsten Platz erreichen.

 

 

Nach diesem Desaster wurden die Autos erst einmal grundlegend überarbeitet. Viele Teile wie Räder, Radträger, Aufhängungsteile oder Achsschenkel waren von Matras Sportwagen MS630 übernommen worden und hatten sich beim ersten Einsatz des MS10 als zu schwer erwiesen, also mußte vieles nochmals neu konstruiert werden. Zum nächsten Grand Prix im spanischen Jarama waren die Wagen jedoch wieder einsatzbereit.

 

 

In Jarama wurde Jackie Stewart wegen einer Handverletzung von Jean-Pierre Beltoise ersetzt, dessen Werks-V12 noch nicht fertig war. Stewart hatte sich Ende April auf genau auf dieser Rennstrecke bei einem unnötigen Formel 2-Trainingsunfall das Kahnbein gebrochen und war mit dem fälligen Gipsverband nicht in der Lage, schon wieder einen Rennwagen zu steuern.

Im Training zum Großen Preis von Spanien traten zwar wieder die bekannten Bremsprobleme auf und der Matra wurde bei einem Unfall zudem auch noch leicht beschädigt, doch im Rennen zeigte sich der MS10/01 von seiner Schokoladenseite und Beltoise zog dem Feld auf und davon. Der Franzose baute seine Führung aus, bis er wegen eines defekten Ölfilters die Boxen ansteuern mußte und zurückfiel. Beltoise fuhr anschließend noch die schnellste Runde und beendete das Rennen dann als Fünfter in den Punkterängen – allerdings auch als Letzter, denn alle andern waren ausgeschieden!

 

 

Der nächste WM-Lauf fand in Monaco statt. Stewart war immer noch verletzt und wurde an diesem Wochenende durch Johnny Servoz-Gavin vertreten. Der Franzose qualifizierte sich für die erste Startreihe und führte gleich nach dem Start das Feld an, streifte jedoch die Leitplanke ausgangs der Schikane und blieb daraufhin mit gebrochener Antriebswelle liegen.

 

 

In Spa war Stewart wieder mit dabei! Gegen den Rat seiner Ärzte hatte sich der Schotte entschlossen, mit einer speziellen Manschette wieder in sein Cockpit zurückzukehren.

Der MS10/01 hatte sein Potential in den Händen der beiden "Aushilfsfahrer" deutlich unter Beweis gestellt und war nun zwischenzeitlich auch noch mit neuen, stählernen Achsschenkeln sowie aerodynamischen Frontflügeln aufgerüstet worden. Wieder führte der Tyrrell-Matra das Feld an und Stewart sah bis zur vorletzten Runde wie der sichere Sieger aus – bis ihm der Sprit ausging! Mit letzten Schwung und stehendem Motor rettete sich der Schotte noch zum Auftanken in die Boxen, doch dort war dann das Rennen endgültig zu Ende: Die Batterie war restlos leer und konnte den Motor nicht mehr starten!

 

 

Ein neues Auto wurde für den holländischen Grand Prix in Zandvoort fertiggestellt. Der MS10/02 war leichter als sein Vorgänger und hatte vorn eine größere Spurweite. Stewart zeigte seine ganze Klasse und gewann das Regenrennen Dank einer cleveren Reifenwahl mit einem Vorsprung von weit mehr als einer Minute.

 

 

Das war ganz nach dem Geschmack von Ken Tyrrell: Der erste Sieg schon im fünften Rennen und in jedem Weltmeisterschaftslauf dieser Saison war einer seiner Wagen in Führung gelegen! Ken Tyrrell’s Team hatte sich in kürzester Zeit im Formel 1-Zirkus etabliert.

Aber auch Matra genoß den bitter benötigten Erfolg, der noch durch den zweiten Platz von Beltoise mit dem neuen Werks-V12 komplettiert wurde.

 

 

Beim darauffolgenden Großen Preis von Frankreich mußte sich Stewart mit dem dritten Platz begnügen. Das Team hatte beim Start des Regenrennens auf die falschen Reifen gesetzt.

 

 

In Brands Hatch sah man den 10/02 erstmals mit einem in der Mitte am Chassis, direkt hinter dem Fahrer befestigten Heckflügel. Stewart testete den Flügel jedoch nur im Training, das Rennen fuhr er ohne die neue aerodynamische Hilfe und kam als Sechster ins Ziel.

 

 

Stewarts großer Auftritt folgte auf dem Nürburgring. Diesmal vertraute er auch im Rennen auf den neuen Heckflügel, was das Lenken auf dem anspruchsvollen Eifelkurs wesentlich erleichterte und sein immer noch angeschlagenes Handgelenk schonte.

Bei Strömendem Regen und Nebel fuhr der Schotte den zweiten Saisonsieg heraus. Im Ziel hatte er über vier Minuten (!) Vorsprung und war zudem die schnellste Runde gefahren. Viele halten dieses Rennen noch heute für das Beste in der Karriere von Jackie Stewart.

 

 

Stewart siegte mit dem MS10/02 danach auch noch beim International Gold Cup-Rennen in Oulton Park, wo jedoch keine WM-Punkte vergeben wurden.

 

 

In Monza setzte Tyrrell erstmals zwei Fahrzeuge ein. Stewart steuerte den 10/01, der inzwischen eine neue Verkleidung erhalten hatte und mit einem hohen, an den Radträgern befestigten Heckflügel versehen worden war. Der 10/02 wurde von Johnny Servoz-Gavin eingesetzt, mit dem flachen Heckflügel in Wagenmitte.

Stewart konnte das Rennen nicht beenden, er schied mit einem Defekt an der Nockenwelle aus. Servoz-Gavin kreuzte als Zweiter die Ziellinie und sorgte für weitere Punkte für Tyrrells "Equipe Matra International".

 

 

Beim Großen Preis von Kanada, auf dem holprigen Kurs von Mont Tremblant, zeigte der Matra die eigentlich schon ausgeräumten Schwächen wie beim Beginn des Jahres in Brands Hatch. Stewart mußte wegen einer gebrochenen Naht an der Vorderradaufhängung die Boxen ansteuern und fiel weit zurück. Am Ende kam der Schotte mit sieben Runden Rückstand ins Ziel, was jedoch noch zum sechsten Platz reichte, weil alle anderen ausgeschieden waren.

Servoz-Gavin, der wieder den zweiten Wagen fuhr, war auf einer Ölpfütze ins Schleudern gekommen und ausgeschieden.

 

 

In Watkins Glen wahrte Stewart seine Chancen auf die Fahrerweltmeisterschaft durch einen souveränen Sieg auf dem Reservewagen, nachdem sein 10/01 beim Auftanken im Training in Flammen aufgegangen war. Die Entscheidung im Kampf um den Titel mußte nun beim letzten Rennen in Mexiko City zwischen Graham Hill, Denis Hulme und Jackie Stewart fallen.

 

 

Doch es sollte nicht sein! Ausgerechnet im letzten Rennen versagte Matras fortschrittliche Tankkonstruktion. Eine abdichtende Polymerschicht zerbröselte und verstopfte die Benzinpumpe. Der Schotte kam als Siebter ins Ziel, Hulme schied aus und Hill sicherte sich auf seinem Lotus durch einen Sieg endgültig die Weltmeisterschaft.

 

 

Auch wenn es zum Schluß nicht ganz gereicht hatte, mit dem Verlauf dieser Saison konnte die Truppe aus Ockham mehr als zufrieden sein: Stewart war Vizeweltmeister und die Fahrer des englisch-französischen Teams standen insgesamt fünfmal auf dem Podest. Drei Siege, jeweils ein zweiter, dritter, vierter und fünfter Rang, sowie zwei sechste Plätze waren die stolze Bilanz. Außerdem konnte man drei schnellste Rennrunden vorzeigen. Abgesehen vom letzten Rennen in Mexiko, wurde bei jeder Zielankunft auch gepunktet. Auf der Sollseite standen vier Ausfälle wegen technischen Defektes und einer durch einen Unfall. Keine Schlechte Bilanz für die erste Saison!

 

 

Auch bei Matra zeigte man sich sehr zufrieden. Die Entscheidung, ein zweites Team auszurüsten, hatte sich als richtig erwiesen. Das Werksteam mit dem V12-Motor war, wie befürchtet, nicht sonderlich konkurrenzfähig gewesen und so konnte man mit den Erfolgen der Tyrrell-Matras die Kritiker doch etwas beruhigen. Der dritte Platz in der Konstrukteursweltmeisterschaft für die "Equipe Matra International", knapp hinter McLaren, aber noch vor Ferrari, war für den Markennamen Matra eine hervorragende Werbung, auch wenn die Rennwagen vom Motor eines Mitbewerbers angetrieben wurden.

 

 

Im Winter entschlossen sich die Franzosen, dem Formel 1-Werksteam ein Jahr Pause zu gönnen, um den V12-Motor zur Rennreife weiterzuentwickeln und dann besser vorbereitet wieder in die Königsklasse zurückzukehren. Inzwischen wollte man sich werksseitig auf ein Sportwagenprogramm konzentrieren und nur Ken Tyrrell’s Team exklusiv mit einem Formel 1-Chassis ausrüsten, welches speziell für den Einbau des Ford-Cosworth entwickelt werden sollte und nur für den Einsatz in der Saison 1969 vorgesehen war. Tyrrell war nun quasi Matras Werksteam in der Formel 1.

Folgende Budgetplanung wurde für 1969 vereinbart: Matra war für den neu zu entwickelnden MS80 verantwortlich und baute außerdem ein Versuchschassis MS84 für Versuche mit Allradantrieb. Tyrrell kümmerte sich um die Cosworth-Motoren und finanzierte die Entwicklung des Ferguson-Allradantriebes.

Mit dieser englisch-französischen Partnerschaft wollte man den so knapp verpaßten Weltmeistertitel im nächsten Jahr unbedingt gewinnen!

 

© Uwe Schaefer