"Secret Project"

 

 

 

Die Entstehung des 001

 

 

 

 

 

Nachdem sich Ken Tyrrell entschieden hatte, in Zukunft seine Formel 1-Rennwagen selbst zu bauen, begab er sich auf die Suche nach einem geeigneten Konstrukteur. Tyrrell wollte seine Pläne unter allen Umständen geheim halten, um die Zusammenarbeit mit seinem neuen Chassislieferanten March nicht schon am Anfang zu stören und unter Umständen nicht mit Bestem Material versorgt zu werden. Daher konnte er keinen namhaften Konstrukteur eines Konkurrenzteams abwerben und seine Wahl fiel auf den Ferguson-Ingenieur Derek Gardner.

Ken Tyrrell hatte Gardner bei Ferguson kennengelernt. Gardner zeichnete dort verantwortlich für das Allradprojekt, welches Tyrrell seinerzeit dem MS84 beisteuern mußte. Er war eine ruhiger, besonnener Mann und hatte einen Namen als hochqualifizierter Denker und Techniker, doch in der Formel 1-Szene war er nur wenigen bekannt.

Als Tyrrell bei Gardner anfragte, hatte dieser gerade beschlossen, Ferguson zu verlassen. Beide trafen sich im Februar 1970 in einem Pub in Henley an der Themse, etwa auf halbem Weg zwischen Tyrrells Basis Ockham und Gardners Wohnsitz Leamington Spa. Tyrrell verband sein Angebot mit einigen Bedingungen: Der neue Rennwagen mußte einfach gebaut sein und bei der Herstellung durfte es unter keinen Umständen Verzögerungen geben. Er mußte spätestens bis zum Gold Cup-Rennen am 22. August 1970 fertig werden und dann gleich voll wettbewerbsfähig sein, um den Sponsoren zu beweisen, daß Stewart mit dieser Eigenkonstruktion 1971 von Beginn an in der Spitze mitfahren kann.

Gardner überlegte nicht lange. Die Chance, einen komplettes Formel 1-Rennwagen nach seinen Plänen für ein Topteam konstruieren zu dürfen würde er so schnell nicht mehr bekommen und er schloß sich Tyrrell als freier Mitarbeiter an.

 

 

Nachdem Gardner bei Ferguson gekündigt hatte, begann er noch im Februar mit Zeichnungen für das neue Auto. Er wandelte sein Schlafzimmer in ein Zeichenbüro um und begann auf einem weißen Papier mit seiner Arbeit.

Schon bald merkte er, daß die Aufgabe weitaus schwieriger war als zu Beginn angenommen. Obwohl er bei Ferguson schon an Formel 1-Autos gearbeitet hatte, beschränkte sich seine Erfahrung auf nicht viel mehr als die Entwicklung von Kraftübertragungen. Von Aufhängungen, Tankzellen oder gar Chassisdesign hatte er nur theoretisches Wissen. Doch die Aufgabe reizte ihn sehr und er stellte sich dieser Herausforderung mit ganzer Kraft.

Gardner analysierte die Konstruktionen aktueller Formel 1-Rennwagen und versuchte zu erkennen, von welchen Überlegungen die Designer dieser Autos ausgegangen waren. Er zeichnete alle möglichen Kombinationen für Aufhängungen, Spur und Radstand, sowie verschiedenste aerodynamische Ideen und entschied sich dann für einen Entwurf, der den bestmöglichen Kompromiß darstellte.

Gardner hatte sich bei seinen Überlegungen vor allem von McLarens M7A inspirieren lassen. Er wollte weg von der traditionellen Zigarrenform und strebte eine Keilform an. Auf dem ersten Entwurf des späteren 001 war diese Keilform noch deutlich zu erkennen, sie fiel aber einem größeren Tank zum Opfer, der in den Seiten untergebracht werden mußte. Als der 001 dann erschien, war er im Bereich des Cockpits mit seiner "Colaflaschenform" dem Matra MS80, den Tyrrell noch im Vorjahr eingesetzt hatte, sehr ähnlich. Dies war eher Zufall, zeigte aber, wie fortschrittlich Matras Autos 1969 gewesen waren.

Gardner gab dem Entwurf den Namen SP für "Secret Project". Unter dieser Bezeichnung sollte der Wagen aus Geheimhaltungsgründen bis zu seiner Vorstellung entwickelt werden.

 

 

Als nächstes beauftragte Gardner eine ortsansässige Tischlerei damit, eine Holzattrappe des Cockpits nach seinen Plänen zu fertigen. Gardner hatte sich inzwischen als "Technischer Berater" selbständig gemacht und eigene Briefköpfe drucken lassen, um so bei seinen Bestellungen bei Zulieferern kein Aufsehen zu erregen und nicht mit der Tyrrell Racing Organisation in Verbindung gebracht zu werden.

Für die Arbeiten an der Attrappe zog Gardner vom Schlafzimmer in seine Garage um. Dafür mußte er ein erstes Opfer bringen und seinen geliebten Bentley MarkVII verkaufen, weil er es nicht fertigbrachte, das schöne Auto im Regen stehen zu lassen.

Die Attrappe wurde mit Aluminiumteilen, Karton und Draht verkleidet und blau angemalt. Tyrrell lieferte einen Cosworth samt Getriebe, der an das "Chassis" angebaut wurde, und schon sah alles einem Grand Prix-Rennwagen sehr ähnlich. Inzwischen waren auch die Tyrrell-Mechaniker in das streng geheime Projekt eingeweiht worden und machten, dank ihrer jahrelangen Erfahrung, wichtige Detailvorschläge.

Auch Stewart kam einmal für eine Sitzprobe nach Leamington Spa. An diesem Tage wurde die Position für die Pedale, die Cockpitgröße und die Sitzposition festgelegt. Daraufhin ging Gardner mit einem 1:10-Modell noch in den Winkanal der Maschinenbauabteilung der Universität von Guildford und im Sommer 1970 hatte er seine Planungen weitgehend abgeschlossen.

 

 

Nun wurden verschiedenste Zulieferer mit der Herstellung der einzelnen Komponenten beauftragt und der Wagen nach Auslieferung der Teile zusammengebaut. Gomm Metal Development in Old Woking, nur fünf Meilen von Tyrrells Teambasis entfernt, stellte den Monocoque-Prototyp her. Trotz wachsenden Zeitdrucks, schon in wenigen Wochen war das Rennen in Oulton Park, wurden alle Teile genauestens geprüft und verschieden sogar zurückgewiesen, um neu gefertigt zu werden. Die Sicherheit der Fahrer ging Tyrrell und Gardner über alles!

Trotzdem wurde der Wagen rechtzeitig fertig. Gardner hatte es geschafft! In nur knapp sieben Monaten nach seiner ersten Zeichnung im Schlafzimmer seines Hauses war ein einsatzfähiges Formel 1-Fahrzeug entstanden!

 

 

Als Tyrrells neuer Rennwagen der völlig überraschten Öffentlichkeit vorgestellt wurde, brachte er 45 Kilogramm weniger auf die Wage als der übergewichtige March 701 und er lag nur 14,5 Kilogramm über dem zulässigen Minimalgewicht. Die Entwicklung des 001 hatte ohne Motor und Getriebe 22 500,- £ gekostet und lag damit weit über dem Preis der March-Chassis, für die Ken Tyrrell jeweils 9 000,- £ bezahlt hatte.

Nun mußte Stewart mit dem neuen Tyrrell 001 beweisen, daß sich diese Investition gelohnt hatte.

 

© Uwe Schaefer